Günter Roberg



Biographie - Günter Roberg


Kindheit in Lemförde

Günter Roberg wurde am 11. April 1921 in Lemförde geboren, wo seine Eltern Alfred und Sophie Roberg, geborene Philipps, mit ihrem ersten Sohn Heinz in einem Wohn- und Geschäftshaus lebten. Die Robergs waren schon seit 1731 im Flecken Lemförde ansässig.
Seine Familie zog 1928 nach Hannover. Zwei Jahre später kehrte sie in ihre Diepholzer Heimat zurück.
Dem kleinen Günter wurde schon sehr früh bewusst, dass er einer religiösen Minderheit angehörte. Seine Mutter machte nie ein großes Geheimnis aus ihrem Glauben und achtete trotz ihrer relativ liberalen Einstellung zum jüdischen Glauben stets auf die Einhaltung der Gebote und des Sabbats. Manchmal beschimpften ihn Gleichaltrige mit "Judenbengel",wenn sie untereinander Streit hatten.
Deshalb spielte Günter Roberg hauptsächlich mit seinem Bruder und den drei Kindern der jüdischen Familie Silbermann. Er hatte jedoch auch viele Kontakte zu anderen Mitbürgern und war stark heimatverbunden, wie die meisten Deutsche jüdischen Glaubens zur damaligen Zeit. .

Günter Robergs Geburtshaus in Lemförde, Eselstraße 64 Günter Robergs Geburtshaus in Lemförde, Eselstraße 64
1930 von Alfred Roberg gekauftes Pastorenhaus in Diepholz, Lange Straße 22 1930 von Alfred Roberg gekauftes Pastorenhaus in Diepholz, Lange Straße 22

Der Familie Roberg ging es finanziell durchaus gut. Günters Vater war in den frühen 20iger Jahren des20 Jh. nach Nordamerika ausgewandert, um dort als Schlachter Karriere zu machen. 1931 kehrte Alfred Roberg jedoch zurück nach Diepholz, weil er an Kehlkopfkrebs erkrankt war. Wenige Tage später starb er.
Insgesamt erinnert sich Günter Roberg jedoch an eine schöne, relativ sorglose Kindheit.

.Diepholzer Synagoge (3. Haus v.l.) in der Mühlenstraße Diepholzer Synagoge (3. Haus v.l.) in der Mühlenstraße


Schulzeit
Klassenfoto von Günter Roberg in der Lübkemannschule in Diepholz mit Klassenlehrer Schwarze Klassenfoto von Günter Roberg in der Lübkemannschule in Diepholz mit Klassenlehrer Schwarze

Die ersten ernsten Probleme kamen während der Schulzeit. Im "rassekundlichen Unterricht" ging der Lehrer detailliert auf die Rolle der Juden im deutschen Staat: "So wie der Stein ein Fremdkörper im Kuchen ist, so sind Juden Fremdkörper in unserm deutschem Volke!" Alle in der Klasse starrten Günter an, der dann aufstand und aus dem Klassenzimmer lief. Anschließend verspotteten ihn die Kinder. Seine Mutter beschwerte sich beim Schulrat, der jedoch nichts unternahm. Zudem zog sich Günter die Missgunst seiner Klasse zu: Er und andere jüdische Schüler konnten alle Gedichte auswendig, während die "arischen" Mitschülern nach dem Dienst beim Jungvolkmeist zu müde waren, umdie Gedichte zu lernen.
Im Alltag stießen Günter Roberg und andere Juden nun immer mehr auf offene Ablehnung und Ausgrenzung. Gingen sie zum Großmarkt oder nahmen am Sportunterricht teil, hörten sie oft "Haut ab, ihr habt hier nichts verloren!"

"Es war genau zum 1. April 1933, zum Tag des Boykotts jüdischer Geschäfte, als wir einen Brief kriegten. Da stand drin, wir möchten doch dem Turnen fernbleiben..." (vgl. Ullrich, Gabriele: "Aufbrüche", Kapitel 6 (Endstation Warschauer Ghetto), Bericht von Günter Roberg)



Jugendjahre in Hannover

Nach Vollendung seiner Schulpflicht zog Günter Roberg 1935 nach Hannover. In der Leinestadt begann er eine Bäckerlehre bei einem jüdischen Bäcker. Das Geschäft wurde Ende Oktober 1938 arisiert und bekam einen neuen deutschen Meister. Der übernahm allerdings Günter trotz seines jüdischen Glaubens, um sich die jüdischen Stammkunden des Geschäftes zu erhalten. Und auch Günter selbst versuchte sich seinen Arbeitsplatz zu erhalten, indem er an die Kunden herantrat und sie bat weiter bei dieser Bäckerei einzukaufen.


Reichspogromnacht, 9./10. November 1938
Synagoge Hannover nach der Reichsprogromnacht Synagoge Hannover nach der Reichsprogromnacht

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde Günter Roberg Zeuge der Zerstörung der Hannoverschen Synagoge. Am Morgen des 10. November beobachtete er, wie viele jüdische Bekannte und auch andere Menschen, die nur jüdisch aussahen und nicht arisch waren, verhaftet wurden. Er selbst hatte ein paar Tage später viel Glück, als er an Familie Grynszpan Brötchen liefern wollte. Dieser Familie gehörte auch Herschel Grynszpan an, der das Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris verübt hatte. Als er sich nun der Wohnung näherte wurde er von einem Gestapobeamten aufgehalten und gefragt, was er denn dort wolle. Auf die Antwort, dass er Brötchen bringen wollte, schickte ihn der Mann mit dem Hinweis weg, dass man ihn ja mit dem "Saujudenpack" in Verbindung bringen könnte. Hätte man ihn erkannt oder hätte er sich in irgendeiner Weise als Jude offenbart, so ist sich Günter Roberg im Nachhinein sicher, wäre er verloren gewesen.



Rückkehr nach Diepholz

Als er Anfang 1939 nach Diepholz zurückkehrte, erkannte er, dass es auch hier auf dem Land teilweise schwere Ausschreitungen gegen Juden gab. Beispielsweise wurde ihm berrichtet, dass das Haus seiner Familie in der Reichspogromnacht verwüstet wurde und seine Mutter die Nacht im Schlossgefängnis in Diepholz hatte verbringen müssen.
Aufgrund der immer stärker werdenden Überwachung durch nationalsozialistische Nachbarn blieb den Diepholzer Juden letztendlich nur der Friedhof als Treffpunkt. Dies war auch der Ort, an dem sich Günter Roberg am 10. August 1940 von der übrig gebliebenen jüdischen Gemeinde verabschiedete. Wie sich später herausstellen sollte, war er einer der letzten Juden des Kreises, dem die Ausreise gelingen sollte.

Gruppe aus dem Palästina-Vorbereitungslager Steckelsdorf (Günter Roberg mit Ballonmütze) Gruppe aus dem Palästina-Vorbereitungslager Steckelsdorf (Günter Roberg mit Ballonmütze)

Zuvor musste er jedoch auf sein bevorstehendes Leben und die vor ihm liegende Reise nach Palästina vorbereitet werden. Bei einem Bauern in Lübeck sowie während eines längeren Aufenthaltes in einem Camp der zionistischen Jugend in Steckelsdorf, Kreis Rathenow bei Berlin, wurden ihm die Grundlagen der Landwirtschaft vermittelt, damit es ihm möglich wäre, sich in seiner zukünftigen Heimat auch eine Existenz aufbauen zu können.



Emigration nach Palästina

Ankunft von Emigranten in Palästina
Ankunft von Emigranten in Palästina

Mit 17 Jahren wanderte Günter Roberg nach Palästina aus, als Gepäck hatte er nicht mehr als einen Koffer mit vorschriftsmäßig maximal 16 kg Gewicht. Seine Route verlief über Berlin und Prag nach Wien. Dort musste er mit den anderen Auswanderern mehrere Tage verbringen, bevor es mit dem Schiff auf der Donau weiter ging.
An der Mündung der Donau angekommen, nahmen die stark überfüllten Schiffe, nachdem sie das Schwarze Meer und den Bosporus passiert hatten, Kurs auf Kreta. Dort wurde dann wieder ein kurzer Zwischenstopp eingelegt, um Proviant aufzunehmen.
Angekommen in Palästina, wollten nun aber die Briten, Mandatsmacht in Palästina, sie gleich weiter nach Madagaskar abschieben.

Beispiel für ein vollbesetztes Einwandererschiff Beispiel für ein vollbesetztes Einwandererschiff
Ankunft von Emigranten in Palästina Ankunft von Emigranten in Palästina

Dies wurde auf tragische Weise von der jüdischen, paramilitärischen Organisation Haganah verhindert. Durch einen überdimensionierten Sprengsatz wurde nicht nur der Antrieb, sondern gleich das ganze Schiff zerstört und sank. Mit viel Glück erreichte Günter Roberg die 500 m entfernte Küste, ohne von herumfliegenden Wrackteilen verletzt worden zu sein. Fast 250 Flüchtlinge starben

Atlit, ca. 10 km von Haifa entfernt gelegenes Internierungslager für illegale Einwanderer Atlit, ca. 10 km von Haifa entfernt gelegenes Internierungslager für illegale Einwanderer



Das Leben in Palästina

Zu der Zeit, als Günter Roberg in Palästina an kam, erwarb die Jewish Trust Agency viel Land von den ansässigen Arabern und vermittelte dieses an bedürftige Flüchtlinge. So kam auch Günter Roberg zu einem Stück Land, nachdem er sich einem Kibbuz angeschlossen hatte. Mithilfe der lokalen jüdischen Gemeinde baute er sich dort in den folgenden Jahren seine heutige Existenz auf.
Während des Befreiungskrieg 1948 lernte Günter Roberg die Soldatin Lore de Beer kennen, welche er dann 1950 heiratet. Sie bekamen ihr erstes Kind, einen Sohn, den sie Ilan nannten. Die 1955 geborene Tochter heißt Dalia. Heute wohnt Günter Roberg mit seiner Familie noch immer in Israel, in Kiryat Bialik.

Lore Roberg als Soldatin  im Dienst  der Militärpolizei
Lore Roberg als Soldatin im Dienst der Militärpolizei

Lore Roberg als Soldatin  im Dienst  der Militärpolizei Lore Roberg als Soldatin im Dienst der Militärpolizei


Besuch in Diepholz

Schon wenige Jahre nach dem Krieg begann Günter Roberg wieder Kontakt mit Bekannten aus Deutschland aufzunehmen. Bald darauf bekam er Besuch aus Diepholz. Darüber waren seine Nachbarn in Israel allerdings stark verwundert. Günter Robergs Beziehungen zu Deutschen verursachte bei ihnen Unmut.
Im Jahr 1972 kam er das erste Mal mit seiner Frau und Tochter nach Deutschland und besuchte seine alten Freunde, die ihn zuvor schon in Israel besucht hatten.
25 Jahre später, am 9. November 1997, kam Günter Roberg erneut nach Diepholz. Er hielt, als letzter lebender Jude aus Diepholz, eine Rede zur Einweihung des jüdischen Mahnmals auf dem jüdischen Friedhof, das aus Trümmern jüdischer Grabsteine gestaltet wurde.
Unter anderem zitierte er auch sein Lebensmotto:

"Ein bisschen mehr Frieden und weniger Streit, ein bisschen mehr Güte und weniger Neid! Ein bisschen mehr Wahrheit immerdar und viel mehr Hilfe in Gefahr! Ein bisschen mehr Wir und weniger Ich. Ein bisschen mehr Kraft, nicht so zimperlich! Und viel mehr Blumen während des Lebens, denn auf den Gräbern sind sie vergebens."

Günter Roberg mit sinem Sohn vor dem Haus der Großeltern bei seiner ersten Rückkehr nach Deutschland Günter Roberg mit sinem Sohn vor dem Haus der Großeltern bei seiner ersten Rückkehr nach Deutschland
Schicksal von Günter Robergs Familie

Der Verbleib von Günter Robergs Mutter ist unklar. Entweder starb sie im Warschauer Ghetto oder wurde in ein Vernichtungslager gebracht. Günters Bruder Heinz wurde nach Minsk verschleppt und dort umgebracht.
Mittlerweile ist Günter Roberg der letzte, noch lebende, jüdische Zeitzeuge der Judenverfolgung aus Diepholz.

Quellen- und Literaturverzeichnis - Biographie Günter Roberg

Quellen:
Von Husen, Ludgar ; Meyer, Horst: "Flecken Lemförde. Eine 750-jährige Gemeinde zwischen Dümmer und Stemweder Berg", Diepholz 1998 Kurth, Hilmar (Hrsg.): "Günter Roberg erinnert sich", Diepholz 1998
Liebezeit, Falk; Major, Herbert: "Auf den Spuren jüdischer Geschichte in Diepholz", Diepholz 1998
Ullrich, Gabriele: "Aufbrüche - Frauenbilder aus vier Jahrhunderte zwischen Weser und Dümmer", Fischerhude o.J. , Atelier im Bauernhaus (Hrsg.)

Bildernachweis :

  • Heimatblätter 1988/1989
  • "Schöne Grüsse aus Diepholz"
  • Eban: "My People", 1988
  • Privateigentum Günter Roberg
  • Privateigentum Hilmar Kurth<
  • (alle Bilder aus: Kurth, Hilmar (Hrsg.): "Günter Roberg erinnert sich", Diepholz 1998) lz.










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- Ilse Henneberg -

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