Edgar Deichmann




Edgar Deichmann

Franzose, Jude, Deutscher oder Brasilianer?

Im Donat Verlag in Bremen erschien 2006 eine ausführliche Biografie von  „Edgar Deichmann – Von Syke nach Sao Paulo“, mit Fotos und Dokumenten, erarbeitet von Schülern des Projektkurses „Spurensuche“, herausgegeben von Ilse Henneberg  und mit einem Vorwort von Luise Scherf.

Edgar Deichmanns Weg von Algringen über Syke nach Sao Paulo



Ausweisung aus Algringen

Edgar Deichmann wurde 1913 als dritter Sohn des Ehepaares Rebecka und Iwan Deichmann in Algringen/Lothringen geboren. Seine Brüder hießen Erich und Kurt. Der Vater war deutsch-national eingestellt und hatte mit Rang und Auszeichnungen im Ersten Weltkrieg an allen Fronten für "sein Vaterland" gekämpft. Edgar erinnert sich: "Kurz vor Beendigung dieses Krieges geriet er noch in Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung wurde er vor die Wahl gestellt, seine drei Söhne Franzosen werden zu lassen oder das Land nach einer gewissen Frist zu verlassen. Um uns drei Jungen die Schande zu ersparen, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen, ließ mein Vater die Frist verstreichen und mussten wir Hab und Gut im Stich lassen, da wir ausgewiesen wurden." (Quelle: Brief von Edgar Deichmann (Sao Paulo) an Hermann Greve (Weyhe) vom 18.07.1985)

Leben in Syke

Die Familie zog nach Syke. Geschwister von Iwan lebten in Hoya und Zeven. Sein Bruder August mit Frau, Tochter Ruth und Sohn Fredy wohnten in Syke. Als Bevollmächtigter der Synagogengemeinde Syke und Brinkum verwaltete August Deichmann die Standesregister.
Iwan Deichmann erhielt für sein mustergültiges Verhalten im Ersten Weltkrieg schnell eine - wenn auch untergeordnete - Stellung beim Syker Finanzamt. Allerdings musste er untergeordnete Dienste leisten. Die Familie lebte in einer Notunterkunft im alten Lehrerhaus. Nahezu alle Mitbewohnern betrachteten sie als "französische" Eindringlinge. Nur der Lehrer Wellhausen war hilfsbereit; bei ihm konnte Edgar sich oft satt essen. In der Inflation der Zwanzigerjahre reichte der Verdienst des Vaters nicht für eine neue Wohnung. Auch schien es nicht so, als würde sich der "Dank des Vaterlandes" früher oder später in einer Beförderung niederschlagen. Deshalb eröffnete Iwan Deichmann mithilfe seines Bruders eine Tabak- und Zigarrenhandlung in Syke. Mühsam baute er eine neue Existenz auf und stand wieder auf eigenen Füßen.
Nach einiger Zeit konnte die Familie in eine neue Wohnung umziehen. Sie lag im ersten Stock des Hauses von Ehepaar Friedrich und Meta Rehmstedt in der Hauptstraße 58.

Die Rehmstedts waren in Syke angesehene Großbauern und besaßen einige Häuser in der Hauptstraße und ein Gelände zwischen Hauptstraße und Mittelweg. Da das Ehepaar selbst keine Kinder hatte, kümmerte es sich um Edgar und seine Brüder. Helga Müller, die Nichte Meta Rehmstedts, war damals noch ein Kind. Sie mochte besonders Edgar gern. In ihm sah sie ihren großen Bruder. Die Freundschaft zu ihm hat sie nie aufgegeben. Edgar besucht sie heute noch in Syke.

Bis Anfang der Dreißigerjahre verbrachte Edgar Deichmann in Syke eine schöne Jugend. Juden wurden nicht von gesellschaftlichen Zusammenkünften ausgeschlossen. Edgar kam in Syke zur Schule. Anfangs hatte er Schwierigkeiten, die deutsche Sprache zu verstehen, da er in Algringen eine französische Schule besucht hatte. Bald konnte er jedoch dem Unterricht gut folgen. Die Schule besuchten selbstverständlich jüdische und christliche Kinder gemeinsam. Edgar wusste nicht, wer Christ und wer Jude war. Für ihn spielte die Religionszugehörigkeit seiner Mitschüler keine Rolle. Edgar war ein guter Leichtathlet und aktiv in der Deutschen Turnerschaft. Sein Bruder Kurt war Langstreckenläufer beim Syker Sportverein. (Quelle: Brief von Edgar Deichmann, 18.07.1985). Auch bei den Tanzveranstaltungen war Edgar ein oft gesehener Gast. (Quelle: unveröffentlichtes Interview mit Edgar Deichmann vom 01.06.1988, geführt von Hermann Greve (Weyhe) und Günter Schmidt-Bollmann (Bremen). Sein Vater pflegte eine Skatrunde mit Juden und Christen, und sein Onkel Siegfried Deichmann war viele Male Schützenkönig in Hoya. Ein religiöses Leben fand jedoch kaum statt. Nur zweimal im Jahr, zum jüdischen Neujahrsfest und Versöhnungstag, besuchte die Familie die Syker Synagoge. (Quelle: Video-Aufnahme eines Gesprächs mit Edgar und Felicitas Deichmann und SchülerInnen der KGS am 08.06.1994 in Stuhr-Brinkum).

Erste Erfahrungen mit dem Antisemitismus

Neben dem harmonischen Zusammenleben der Religionen gab es auch erste antisemitische Erscheinungen. Edgar fehlte an einem jüdischen Feiertag in der Schule. Am nächsten Tag verlangte der Rektor die Lösung einer Rechenaufgabe von ihm. Edgar errechnete das richtige Ergebnis. Aber er benutzte dabei einen anderen Rechenweg, als der Rektor am Tag zuvor im Unterricht erklärt hatte. Grund genug für den Rektor, ihn hart zu verprügeln. Seine Schulkameraden mussten den prügenlden Rektor wegzerren. Die Striemen könne man heute noch sehen, meint Edgar, aber die Stelle sei nicht vorzeigbar.
Edgars Vater erstattete Anzeige wegen Körperverletzung. Der Rektor musste sich entschuldigen und wurde versetzt. (Quelle: Video-Aufnahme vom 8.06.1994).
Mit dem zunehmenden Antisemitismus, der auch vor Syke in den Dreißigerjahren nicht halt machte, kamen solche negativen Erlebnisse häufiger vor. Noch hielten Edgar und seine Freunde zusammen, aber mit der Zeit tauschten viele ihre Freundschaft gegen eine SA-Uniform ein und stellten sich gegen Juden. Meta Rehmstedt aber blieb der Familie Deichmann auch während der Herrschaft der Nationalsozialisten verbunden und stand ihr in dieser schweren Zeit bei. Deshalb veröffentlichten die Nazis ihren Namen immer wieder in den Stürmerkästen, die sich in Syke in der Hauptstraße vor dem Gelände der Zahnärzte Erna und Paul Vieson und dem Gasthaus "Kreuzgrabe" befanden. Hier prangerten sie Meta Rehmstedt öffentlich als "Judenfreundin" an. (Quelle: Stadtführung durch Syke mit Ilse Voges am 13.11.96).
Nur noch wenige Syker Bürger hatten den Mut, die Kontakte zur Familie Deichmann zu pflegen oder sie höflich zu grüßen. Zu ihnen gehörten Helga Müller und ihre Großeltern, Herr Koldehofen, der bei August Deichmann wohnte, der Lehrer Wellhausen und Edgars Schulfreund, Fritz Bruns. (Quelle: Brief von Edgar Deichmann, 18.07.1985).
Als den "arischen" Kunden 1937 massiv verboten wurde, im Geschäft Iwan Deichmanns zu kaufen, wurde die Situation unerträglich. Edgar berichtet: "Ab 1937 wurde es den Kunden meines Vaters verboten bei ihm zu kaufen. Dies war das Werk eines Konkurrenten - sein Name war Sauer, wenn ich nicht irre. Er wohnte kurz vor Barrien. Wiederum waren wir Menschen zweiter Klasse." (Quelle: Brief von Edgar Deichmann, 18.07.1985).

"Reise" nach Brasilien

Als guter Sportler wurde Edgar Deichmann 1937 trotz seiner jüdischen Herkunft als Soldat in die "Ersatzreserve I" in Oldenburg eingezogen. Sein Bruder Erich, der schon 1928 aus Abenteuerlust nach Brasilien ausgewandert war, lud ihn nach Rio de Janeiro ein. Für diese "Urlaubsreise" benötigte er jedoch eine Genehmigung der Militärbehörde in Oldenburg. Dies war nicht einfach, doch nach einiger Zeit hatte er fast alle Stempel zum Ausreisen in seinem Militärpaß. Den letzten Stempel, den er benötigte, gab ihm ein Feldwebel. Er ahnte, dass Edgar fliehen wollte. Dennoch wünschte er ihm alles Gute. Nun erhielt Edgar eine Rufpassage seines Bruders, die ihm eine legale Ausreise aus dem Deutschen Reich für drei Monate ermöglichte. Die Militärbehörde befahl Edgar, sich bei seiner Ankunft in Rio de Janeiro sofort bei der Deutschen Botschaft zu melden. Außerdem nannte man ihm das Datum und den Namen des Schiffes für seine Rückkehr in drei Monaten.
Bei der Abfahrt in Hamburg verabschiedeten Edgar über zehn Sportkameraden aus Syke. Nach dem Ablegen des Schiffes ging Edgar in seine Kabine und entdeckte einen Koffer, gefüllt mit 5-Mark-Stücken. Seine Freunde hatten ihn heimlich dort deponiert, da jeder Ausreisende höchstens 10 DM mitnehmen durfte.
In Lissabon machte das Schiff einen Zwischenstop. Eine Tanzgruppe kam an Bord, die in Rio gastieren sollte. Ihr gehörte auch ein deutsches Mädchen an. Sie bat Edgar, die Truppe auf der Überfahrt auszuhalten. Nach der ersten Gage wollte es alles zurückgeben. Er war großzügig und bezahlte. Einige Wochen nach der Ankunft in Rio kam das Mädchen zu dem Haus von Edgars Bruder und zahlte ihm tatsächlich die gesamte Summe zurück. Jetzt hatte er ein kleines Startkapital für den Neubeginn. (Video-Aufnahme vom 8.06.1994)
Die beiden Brüder schickten den Eltern regelmäßig Briefe und baten sie, auch nach Rio zu kommen. Als sie eines Tages einen Brief der Eltern erhielten, erkannten sie schon am Umschlag, dass etwas nicht in Ordnung war. Normalerweise schrieb der Vater die Adresse auf den Umschlag, diesmal aber war es die Handschrift der Mutter. Sie teilte ihnen mit, der Vater könnte nicht schreiben, da er geschäftlich unterwegs wäre. In Wirklichkeit war er nach der Reichspogromnacht ins KZ-Buchenwald gebracht worden. (vgl. Brief von Edgar Deichmann, 18.07.1985).

Reichspogromnacht

Am 7. November 1938 schoss Herschel Grünspan, ein jüdischer Jugendlicher aus Hannover, auf Ernst vom Rath, den Gesandtschaftssekretär der Deutschen Botschaft in Paris. Er wollte gegen die Abschiebung seiner Familie und anderer Juden nach Polen protestieren. Hilter schickte sofort zwei seiner Leibärzte nach Paris. Trotz erfolgreicher Operation starb Ernst vom Rath an seinen schweren Schussverletzungen am 9. November 1938 um 16 Uhr. An diesem Tag fanden im Deutschen Reich Gedenkfeiern für den gescheiterten Hitlerputsch vom 9. November 1923 statt. Die NS-Führung hatte sich hierzu im "Alten Rathaussaal" in München versammelt, unter ihnen auch Hitler und Reichspropagandaminister Goebbels. Die Verzweifelungstat eines Einzelnen benutzte die NS-Führung als Vorwand zur Zerstörung jüdischer Geschäfte und Synagogen, um die Juden aus Deutschland zu vertreiben.
Den Befehl für die Bremer Region gab SA-Stabschef Viktor Lutze aus München telefonisch an den Leiter der Bremer SA-Gruppe "Nordsee", Heinrich Böhmcker. Er leitete ihn weiter an den Führer der SA-Standarte 15, Quinkhardt, der für die Kreise Grafschaft Hoya und Diepholz zuständig war. Von ihm wurde u.a. die SA-Sturmbann-Gruppe I in Syke benachrichtigt. Der Führer des Nachrichtensturmes, Fredy Ahring, leitete den SA-Sturm, um den Befehl in Syke auszuführen. (Quelle: Ilse Henneberg/Bärbel Gemmeke-Stenzel (Hrsg.):Gestern Nachbar - heute Jude, Geschichte der Juden im Landkreis Diepholz, Bremen 1995, S. 53 f.)

Ablauf der "Aktion" in Syke

Am Morgen des 10. November 1938 drang der SA-Sturm in die Wohnungen von sechs jüdischen Familien ein, durchsuchte sie und beschlagnahmte die Sparbücher. Die Männer wurden in "Schutzhaft" genommen und in die Syker Turnhalle getrieben. (Heute ist dort der Rathausplatz.) Iwan, August und Fredy Deichmann sowie den Viehhändler Emil Harf brachte man zum Amtsgerichtsgefängnis nach Bassum. (vgl. Hermann Greve, Vergessen, verdrängt, verneint ..., in: Harald Focke u.a. (Hrsg.), Als die Synagogen brannten, Syke 1988, S. 27 ff.)

Wer war Fredy Ahring?

Ahring (geb. 20.6.1897) war Führer des Nachrichtensturmes in Syke und ehemaliger Inspektor bei der Landeskrankenkasse Syke. "Der oben genannte soll in Syke die Judenaktion (Reichspogromnacht) geleitet haben. Er war Parteigenosse seit 1937, Angehöriger der SA seit 1933. (Rang Hauptsturmführer) und soll als eifriges und aktives Mitglied in Syke bekannt sein."
Zitiert aus: Der öffentliche Kläger bei Entnazifizierungs-Hauptausschuss des Kreises Grafschaft Hoya



Jüdisches Sonderlager im KZ Buchenwald

Während der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 wurden im Deutschen Reich fast 30.000 männliche Juden verhaftet und in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Dachau und Buchenwald deportiert. Zwanzig Juden aus den Altkreisen der Grafschaften Diepholz und Hoya kamen in das KZ Buchenwald.
Die vier Syker Juden brachte man von Bassum zusammen mit Juden aus Twistringen und Sulingen nach Hoya. Von dort transportierte man sie mit den Hoyaer Juden, unter ihnen auch Siegfried Deichmann, nach Hannover zum Bahnhof. Die Juden aus Hannover hatte die NSDAP über Nacht in eine Turnhalle der alten Militärschule und in die Polizeiwache Hardenbergstraße gesperrt. Am 11. November brachte ein Sonderzug mit Wagons der 3. Klasse die 316 so genannten "Aktionsjuden" des Regierungsbezirks Hannover ins jüdische Sonderlager des KZ Buchenwald nach Weimar. (Vgl. Ilse Henneberg/Bärbel Gemmeke-Stenzel (Hrsg.), a.a.O., S. 70 ff.)
Im Tunnel des Weimarer Bahnhofs begann der Spießrutenlauf durch ein Spalier von bewaffneten SS-Männern. Zu Fuß oder auf Lastwagen kamen die Gefangenen ins 10 km entfernte Konzentrationslager auf den Ettersberg. Um die Juden zu demütigen, schor man ihnen am Lagertor die Haare. Die 10.000 Gefangenen brachte man in fünf Baracken ohne Heizung und sanitären Einrichtungen unter. In kurzen Abständen waren 3-4 Lagen Maschendraht übereinander gezogen, die als "Bett" dienten. Durchschnittlich stand jedem Mann kaum ein Quadratmeter zur Verfügung. Die Juden waren den Launen und Schikanen der SS ausgesetzt wie täglichem stundenlangem Appellstehen bei jeder Witterung. Kälte, Hunger, Durst, Schmutz, Gestank und Krankheit quälten. Geistesgestörte und Kranke kamen in die "Baracke des Todes". Sie wurden aneinander gekettet, konnten sich nicht bewegen und verendeten qualvoll. In den ersten drei Monaten starben 239 Juden. (vgl. Harry Stein, Juden in Buchenwald 1937-1942, Weimar 1992, S. 41 ff.)

Die drei Deichmann-Brüder Iwan, Siegfried und August sowie dessen Sohn Fredy überlebten das Lager. Fredy Deichmann wurde am 12. April 1939 aus Buchenwald entlassen. Dieses Datumsteht auf der Geldkarte, einem lagerinternen Konto. Fredy besaß zwei Häftlingsnummern. Zunächst hatte er die Nummer 23.689, da er zu den "Aktionsjuden" gehörte, die 20.000er-Nummern bekamen. Am 15. Februar 1939 wurde das jüdische Sonderlager in Buchenwald wegen einer Typhusepedemie aufgelöst. Fredy überführte man in das Hauptlager. Hier erhielt er die laufende Häftlingsnummer 5.292. Die Nummern wurden immer neu an Häftlinge nach deren "Ausscheiden" vergeben. Am Tag der Entlassung hob er sein Fahrgeld in Höhe von 30 Reichsmark ab, um die Rückfahrt von Weimar nach Syke bezahlen zu können. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.
Iwan, Siegfried und August Deichmann wurden nach ca. acht Wochen entlassen. August Deichmann und seine Familie deportierte man 1941 von Bremen nach Minsk. Dort verliert sich ihre Spur.
Edgars Bruder war Vertreter der Hamburger Exportfirma "Albrecht". Mithilfe dieser Firma und des brasilianischen Außenministers Oswaldo Aranja gelang es, wenigstens Iwan Deichmann frei zu bekommen. Iwan hat nie über seine Erlebnisse in Buchenwald gesprochen: "Es ist so grausig, dass man das nicht erzählen soll. Nun war mein Vater fürchterlich national eingestellt." (Quelle: Interview mit Edgar Deichmann vom 01.06.1988)

Emigration nach Brasilien

Die Eltern reisten mit ihrem Umzugsgut nach Brasilien, das die Firma "Neukirch" transportierte. Der Vater konnte die Kosten jedoch nicht bezahlen, da er in Brasilien kein Geld hatte. So bat er Edgar, zur Deutschen Gesandtschaft in Sao Paulo zu gehen, um die Rechnung über sein beschlagnahmtes Konto in Deutschland zu begleichen. Da Edgar deutscher Flüchtling war, ging als Personenschutz ein brasilianischer Polizist mit. Der deutsche Beamte wollte Edgar sofort festnehmen, da er als fahnenflüchtig galt. Doch der Polizist machte ihm klar, dass sie sich auf brasilianischem Boden befänden und er keine Befugnis hätte, Edgar zu verhaften. Das beschlagnahmte Geld wurde nicht freigegeben, die Rechnung blieb unbeglichen.

Neue Heimat

Mit der Zeit wurde die Fremde für Edgar zur neuen Heimat. Ein Freund seines Bruders, der Präsident eines großen Fußballklubs in Rio war, vermittelte ihm seinen erster Job als Berufsfußballspieler. Edgar sollte nun, da er Geld verdiente, seine Adresse beim Deutschen Konsulat angeben. 1936/37 versuchten Hitlers Spitzel alle Deutschen aus Brasilien wieder ins Reich zu bringen. Edgar drohte das Konzentrationslager, und er floh auf Anraten seines Bruders ins Landesinnere. Über acht Monate versteckte er sich im brasilianischen Dschungel. Hier arbeitete er für eine amerikanische Firma in verschiedenen Orten und lernte die portugiesische Sprache. "Die Gesundheit war schwer angeschlagen. Wir bauten im Urwald "Glimmer"(Mineralien) ab, im Lager gab es Gelbfieber. Man hatte mir ein Pferd gegeben, damit kam ich überhaupt nicht zurecht. Ich hatte zuvor im Leben nie auf einem Gaul gesessen," berichtete Edgar. (Syker Umschau Nr. 45, Juli 1994) Nachdem er mehrmals abgeworfen wurde, erhielt er einen Maulesel, der jedoch auch seine Tücken hatte. Um sich nicht mit Gelbfieber zu infizieren, meldete sich Edgar als Schreiber und registrierte geimpfte Personen. Da es immer nur Reis und Bohnen gab, erkrankte er. Ein Arzt in Rio riet ihm, längere Zeit nicht zu arbeiten und einige Wochen europäische, vitaminreiche Kost zu essen. Edgar zog 1938/39 zur Familie Oppenheimer in eine jüdische Kolonie, die 250 km entfernt von Rio lag. Hier erholte er sich. Doch bald musste er die Familie wieder verlassen, um für seine Eltern Geld zu verdienen.
Wenig später bot ihm die Kolonie ein Siedlerhaus mit Land an. Zu dieser Zeit kam auch sein Bruder Kurt, der als Naziverfolgter illegal in Luxemburg gelebt hatte, nach Brasilien in diese Kolonie. Ein dort angestellter Japaner regelte den gemeinschaftlichen Tomatenanbau der Kolonie. Er gab Edgar den freundschaftlichen Rat, doch eine Hühnerfarm aufzumachen, da mit dem schlechten Milchvieh nichts zu verdienen sei. Mit seiner Hilfe baute Edgar eine Farm auf und lieferte seine gesamte Eierproduktion nach Rio. Anschließend arbeitete er im Büro einer Diamantenschleiferei. Doch der Staub setzte sich in seine Lunge, er wurde erneut krank. Durch Beziehungen erhielt er eine Anstellung bei einer Firma für Elektrotechnik in Sao Paulo. Neben dem Hauptjob arbeitete er noch im Laden seines Bruders Kurt und abends an dessen kleiner Bar. Der Zweite Weltkrieg brach aus. "Und die Brasilianer lagen längst auch mit Deutschland in Fehde. Wir wurden wieder bespuckt - diesmal nicht als Juden, sondern als Deutsche. Das war eine schlimme Zeit." (Quelle: Syker Umschau Nr. 45 / Juli 1994) Edgar lernte Felicitas, eine Berliner Jüdin kennen. Beide heirateten 1946 und bekamen zwei Kinder. Seine Mutter starb 1949, ein Vater 19968 in Rio de Janeiro.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gründeten einige Emigranten in Sao Paulo das "Freie Europäische Künstlertheater - Teatro Independente de Artistas Europeus". Ungarische, tschechische, österreichische und deutsche Juden und andersgläubige vefolgte Berufsschauspieler spielten Kabarett, sangen Wiener Lieder und führten Schauspiele und Operetten auf. Felicitas und Edgar verbrachten ihre wenige Freizeit bei dem Theater. Nach der harten Arbeit half Edgar dem Österreicher Kurt Hesky bei der künstlerischen Leitung; Felicitas spielte Theater, tanzte und sang. Beide waren zwanzig Jahre lang Mitglied.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges spielten die jüdischen Emigranten für die Not leidende deutsche Bevölkerung Theater. Die verfolgten Juden hatten Mitleid mit den hungernden und frierenden Menschen im zerschlagenen Deutschland!
Inzwischen hatte Edgar sich in der Elektrofirma hochgearbeitet. Mit seiner Hilfe wurde das Unternehmen von 50 auf 280 Mitarbeiter erweitert. Beruflich fing Edgar mit 50 Jahren noch einmal neu an. Er machte sich selbstständig und gründete ebenfalls eine auf Elektrotechnik spezialisierte Firma. Bald beschäftigte er ca. 300 Mitarbeiter und besuchte weltweit Messen. Mit 68 Jahren verkaufte er auf der Hannover Messe seinen Betrieb und erwarb eine kleine Hazienda.

Seit etwa 60 Jahren lebt das Ehepaar Deichmann nun in Brasilien. Sao Paulo ist heute nach ihren eigenen Aussagen ihre Heimat. Sie wohnen in einem kleinen Einfamilienhaus in einer ruhigen Straße im Westen der Stadt. Edgar und seine Frau Felicitas möchten hier ihren gemeinsamen Lebensabend verbringen. Alle zwei Wochen überlassen sie das Haus ihren Angestellten und fahren zu ihrem Landsitz, der etwa drei Autostunden entfernt ist. Auf dem ca. 1,75 km2 großen Grundstück, das Berge, Täler und Flüsse umfasst, erholen sie sich von der Hektik der Großstadt.
Seine älteren Brüdern, Erich und Kurt, besucht Edgar zweimal im Jahr in Rio de Janeiro, jede Woche telefonieren sie miteinander. Beide sind über 90 Jahre alt und noch aktiv. Kurt führt dort eine sehr gut gehende Konditorei im Nobelstadtteil Rios. Erich besitzt eine Brillenfabrik im Zentrum der Stadt, in der er halbtags im Büro arbeitet. Alle drei Brüder sind schon seit Jahrzehnten Brasilianer. Sie haben das Recht, an Wahlen teilzunehmen und die Pflicht , Steuern zu zahlen. Obwohl sie fließend brasilianisches Portugiesisch sprechen, erkennt man am Akzent ihre deutsche Herkunft.
Edgar selbst bezeichnet das Leben in Brasilien als freier. In Deutschland gibt es seiner Meinung nach zu viele Gesetze. Deutschland ist ihm "zu organisiert".
Gemeinsam mit seiner Frau und anderen Partnern unterstützt er in Sao Paulo ein Heim für Waisenkinder. Soziales Engagement eines Mannes, für den das Leben früher wenig Humanität übrig hatte! (Quellen: Syker Umschau, Nr. 45 / Juli 1994, Interview mit Edgar Deichmann, Video-Aufnahme vom 8.6.1994)

Begegnung mit der alten Heimat

Trotz der negativen Erinnerungen an die Hachestadt führte Edgar immer ein Grund nach Syke: Er wollte den mutigen Menschen seine aufrichtige Dankbarkeit beweisen, die seinen Eltern in allerhöchster Not Beistand leisteten. Er überträgt diese Dankbarkeit und Freundschaft nun auch auf ihre Nachkommen.
Seit seiner Auswanderung hatte Edgar kein Lebenszeichen der Syker Behörden erhalten, um so erstaunter war er über einen Brief der Stadt Syke Anfang Dezember 1990. Der damalige Stadtdirektor Wodtke lud das Ehepaar Deichmann zur Einweihung eines Denkmals für die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung für den 11. Januar 1991 nach Syke ein. In seiner Antwort Ende Dezember 1990 erklärte Edgar Deichmann dem Stadtdirektor, dass eine Reise von Brasilien nach Syke ohne Unterstützung finanziell nicht möglich sei. Außerdem wies er auf seine angeschlagene Gesundheit hin. Am 16. Januar 1991 antwortete Wodtke, dass er Edgars Nichterscheinen bedauere, aber trotzdem auf einen Besuch der Deichmanns hoffe. Eine finanzielle Unterstützung würde die Stadt allerdings nicht zahlen. Dennoch meldete sich Edgar bei Herrn Wodtke, als er im Mai 1991 Syke besuchte. Er war pünktlich zur verabredeten Zeit im Rathaus, wurde aber mit einem verspäteten "Empfangszirkus", wenig Mitgefühl und selbst verherrlichenden Fragen des Stadtdirektors über dessen "Leistungen" in Syke willkommen geheißen. Über die Untaten während der NS-Zeit sprach er nicht. Stattdessen wäre Herr Deichmann lieber mit Syker Menschen ins Gespräch gekommen, die ebenfalls im Rathaus, aber an einer anderen Stelle, vergeblich auf ihn warteten.
Seine Erfahrungen mit der alten Heimat fasste er in einem offenen Brief an die Bürger der Stadt Syke im Oktober 1995 zusammen. (Siehe Anhang) Er bat SchülerInnen der KGS-Stuhr-Brinkum, diesen Brief zu veröffentlichen. Sie verlasen ihn auf einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht im Kreismuseum Syke 1995. Der Brief erschien auch in der Kreiszeitung. Mit einem Appell wendet sich Edgar Deichmann insbesondere an die Jugend der Stadt Syke und ihrer Umgebung:


"Kämpft gegen alles Böse an, steht stets eurem Nächsten bei, wenn dieser in Not oder Gefahr ist. Solche gräulichen Untaten dürfen in Deutschland nie wieder passieren!"









Projektkurs Spurensuche
- Ilse Henneberg -

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