Das Lager der Märtyter


Das Lager der Märtyer - Die Deportation von 600 französischen Geiseln aus Frankreich nach Litauen durch die deutsche Armee 1918
Als Paperback von Ilse Henneberg herausgegeben und in der Schule für 7,50 Euro erhältlich
Projektbeschreibung

Der Projektkurs "Spurensuche" im Fach Ev. Religion unter Leitung von Ilse Henneberg erhielt im Schuljahr 2001/02 von dem Verleger Helmut Donat aus Bremen das unveröffentlichte Manuskript von Desire Guerin "In einem deutschen Konzentrationslager 1918". Der Bericht beschreibt die Deportation von 600 französischen Geiseln aus Frankreich nach Litauen durch die deutsche Armee gegen Ende des Ersten Weltkrieges. Grund für die Deportation war eine deutsche Vergeltungsmaßnahme gegenüber Frankreich, da Frankreich Anspruch auf die Rückkehr der Elsässer in den besetzten Gebieten erhob. Um die französische Regierung und die Öffentlichkeit unter Druck zu setzen, wurde die Geiselnahme von bedeutenden Persönlichkeiten befohlen.

Mit diesem Manuskript begann eine historische Spurensuche, die sich über mehrere Schuljahre und Schülergenerationen erstrecken sollte und auf die Zusammenarbeit mit Französischkursen in der Oberstufe angewiesen war, die die in den Archiven gefundenen Dokumente übersetzten. Der Projektkurs setzte sich mit dem Manuskript inhaltlich auseinander, erforschte die historischen Hintergründe und rekonstruierte die Geschehnisse, so weit sie sich durch Recherchen in Archiven, Bibliotheken, Zeitungen und Administrationen herstellen lassen. Diese Arbeit ist noch nicht abgeschlossen und wird im Schuljahr 2004/05 fortgesetzt.

Um Informationen über die Gefangenen zu erhalten und evtl. Kontakt zu ihren Nachkommen aufzunehmen, wandten sich die Schüler an die französischen Gemeindeverwaltungen und die katholischen Kirchen in den Herkunftsorten der Deportierten: Auberchicourt, Balan, Beuvry-les-Orchides, Carignon, Carvin, Charleville, Condé-lez-Autry, Dizy-le-Gros, Dom-le-Mesnil, Donchéry, Douai, Haubourdain, Iwuy, Lille, Marq-en-Baroeul, Maubeuge, Mohon, Mouzay, Nouzon, Raimbeaucourt, Rocroi, Sedan, Vaux.Champagne, Vouziers und Vrignes-au-Bois. Nur die Archive von Dom-le-Mesnil, Douai, Lille und Mouzay antworteten und schickten zahlreiche Dokumente und Informationen. Die Auswertung der Materialien war sehr zeitaufwendig, da die französischen Texte ins Deutsche übersetzt werden mussten. Ein Französischkurs unter Leitung von Brigitte Miklitz-Kraft übernahm Übersetzungsarbeiten für die französische Korrespondenz und die erhaltenen Dokumente. Klaus Saßmannshausen, ebenfalls Französischlehrer, stand für Nachfragen der Schüler bereit und half ebenfalls bei den Übersetzungen. Von Chanoine Roger Desreumaux, Archivar der Diocese Lille, erhielt der Projektkurs "Spurensuche" einen zweiten Erinnerungsbericht von Achille Leleu "Otages Français de représailles en Lithuanie", erschienen 1920, der allerdings noch nicht ins Deutsche übersetzt war. Diese Arbeit übernahmen zwei Französischkurse des 11. Jahrgangs unter Leitung von Bärbel Rüter im Schuljahr 2003/04 (Teil A).
Eine Anfrage beim französischen Innenministerium verwies auf das französische Nationalarchiv in Paris. Hier beschäftigte sich der Archivar Laurent Veyssiere mit dem Thema und meinte, Hinweise über die Deportation in Augenzeugenberichten und Dokumenten gelesen zu haben. Eine Schülerin recherchierte deshalb in den Osterferien im französischen Nationalarchiv. Nach großen Schwierigkeiten eine Genehmigung zu erhalten, wurde die Schülerin zwar von dem Archivar gut betreut, leider fanden sich aber keine Berichte oder Dokumente über die Deportation nach Litauen von 1918.
Auch unsere Anfrage bei der Spanischen Botschaft in Berlin, die während des Ersten Weltkrieges die Interessen der französischen Gefangenen gegenüber dem Deutschen Reich vertrat, blieb ergebnislos, ebenso die Anfrage beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt Freiburg.
Aus dem Archiv in Lille erhielten wir einen Hinweis auf ein Frauenlager in Holzminden, in das die Deutsche Armee die Ehefrauen der Deportierten gebracht hatte. Auf unsere Anfrage erhielten wir aus dem Stadtarchiv Minden einen Artikel einer französischen Historikerin, der aber bisher noch nicht übersetzt und ausgewertet wurde. Das Stadtarchiv Minden hatte sich mit dieser Thematik bisher gar nicht beschäftigt. Auch für uns ist die Übersetzung zu schwer, da die Schüler wegen der vielen fachspezifischen Begriffe in dem wissenschaftlichen Text überfordert sind, sodass noch jemand gefunden werden muss, der eine kostenlose Übersetzung vornimmt.
Als sehr schwierig erwies sich auch die Suche nach Zeitungen, die in den Herkunftsorten der damaligen Deportierten erscheinen. Nur mit Hilfe des Institut Francaise in Bremen gelang es uns Adressen der Zeitungen in Auberchicourt, Balan, Beuvry-les-Orchides, Carignon, Carvin, Charleville, Condé-lez-Autry, Dizy-le-Gros, Dom-le-Mesnil, Donchéry, Douai, Haubourdain, Iwuy, Lille, Marq-en-Baroeul, Maubeuge, Mohon, Mouzay, Nouzon, Raimbeaucourt, Rocroi, Sedan, Vaux.Champagne, Vouziers und Vrignes-au-Bois zu erhalten. Die Schüler schrieben die Zeitungen in den Sommerferien 2003 an, baten darum, einen Artikel über das Projekt zu veröffentlichen, in der Hoffnung Kontakt mit noch lebenden Nachfahren aufnehmen zu können.

Inhalt des Erinnerungsberichtes von Desire Guerin

Grundlage des vorliegenden Projektes bilden Desire Guerins "Erinnerungen an die Gefangenschaft der französischen Geiseln im Konzentrationslager Milejgany" (1918). Frankreich befindet sich mit Deutschland seit über drei Jahren im Krieg. Der Krieg hat schreckliches Leid über die Menschen gebracht. Verdun ist zum Menschenschlachthaus geworden. Große Teile Nord- und Ostfrankreichs sind nach wie vor von Deutschen Truppen besetzt. Anfang Januar 1918 erfolgt auf Befehl der Deutschen Armee die Deportation von 600 Franzosen nach Litauen.
Ohne Rücksicht auf ihr Alter, ihre Herkunft, Verfassung und Gesundheit werden 600 Franzosen zu Geiseln erklärt und verhaftet. Unter ihnen befindet sich auch Desire Guerin, Rektor einer Schule in Sedan und in der rue Crussy wohnhaft. Am 6. Januar 1918 transportiert man die Geiseln von Huson aus in schmutzigen Waggons der 3. und 4. Klasse, in denen es zumeist weder Heizung noch Beleuchtung gibt, nach Osten. Ausgehungert, vor Kälte zitternd und verängstigt erreichen die Franzosen nach einer Fahrt von etwa 2500 Kilometern Zoslte, einen Ort im Raum Wilna. Während der Fahrt haben sie - abgesehen von einem täglichen Mehl- oder Körnerbrei - nichts zu essen erhalten. Bei ihrer Ankunft sagt man ihnen, sie müssten weiter nach Milejgany, wo sie in einem großen Schloss untergebracht werden sollen. Der Ort liegt etwa sieben Kilometer entfernt. Schlitten gibt es nur für das schwerste Gepäck. Auf dem Fußmarsch durch Schnee und Eis begleiten sie Soldaten mit aufgesteckten Bajonett. Die Gefangenen müssen in Viererreihen und 50er-Gruppen gehen. "Nach einer Stunde Weg ist daraus ein jammervoller Zug geworden."
In Milejgany bringt man die "Geiseln" in einem "länglichen, sehr niedrigen, fensterlosen Gebäude" unter. "Das ist ja ein Stall!" - schreibt Desire Guerin erschrocken, als er in den etwa 50 Meter langen Backsteinbau eintritt. "Und hier, in dieser elenden Höhle will man uns einpferchen! Ich spüre Entsetzen und Schrecken in mir aufkommen. Man stelle sich den Eingang in einen Untertagebau vor, schwach erleuchtet, links und rechts Holzgerüste. Diese Holzgestänge sind Betten - selbst Hundehütten wären besser gewesen!! Über die gesamte Länge der Stellwände hat man mit Tannenholzpfählen übereinander drei Etagen aus rundem knüppeligem Holz gebaut. Darauf werden wir schlafen.
Etwas, das undeutlich nach schmutzigen Holzsäcken aussieht, liegt darüber. Diese Schlafstellen, wie einzelne Fächer, liegen in weniger als einem Meter Abstand übereinander, und man kann nur in gebückter Haltung kriechend wie ein Tier durch eine etwa 70 cm breite Öffnung hineingelangen - ja, kaum würde man es wagen, hier einen Hund unterzubringen. Über diesen beiden Bettreihen ist ein Boden eingezogen, der den Raum in Dunkelheit taucht; aber dieser Boden bildet noch eine Etage, wo sich die Schlafenden noch in 4 Reihen hinzudrängen haben. So bleibt kein fingerbreit Raum unbesetzt.
Nach und nach treffen die Geiseln ein. Missmutig, traurig und enttäuscht stehen sie da. Angstvoll sehen sie einander an. Der Anblick dieser widerwärtigen Höhle schlägt sie zu Boden. Einige lassen heftig ihre Entrüstung laut werden, und mit Ungestüm protestieren sie lauthals. "Was, hier drinnen sollen wir wohnen, in diesem dunklen Stall, in diesem Bau, ohne Luft und Licht, in diesem dreckigen Nest, in das man schlüpfen muss wie ein Raubtier in seine Höhle. Das, das ist ja der Tod für uns! ... Man kann die Hobelspäne, die unsere Strohsäcke füllen, nur noch erahnen, zuvor von russischen Gefangenen benutzt, sind sie schmutzig, filzig und widerwärtig . Auch die runden Holzstämme sind ebenfalls sehr hart. Sie quetschen sich ins Fleisch und peinigen den Körper ... Unter diesen jammervollen Bedingungen vergeht die erste Nacht ..., Schreckenszeit, die für uns alle der Albtraum unseres Lebens bleiben wird." Schikanös gestaltet sich auch der nächste Tag. Die Deutschen lassen die Inhaftierten mitsamt ihrem Gepäck auf dem Hof antreten.
Fünf Stunden lang müssen sie dort warten, im Schnee auf der Stelle treten, bis sie vor Kälte wie erstarrt sind. Das Thermometer zeigt 12 Grad unter Null. Nach 26 Stunden ohne Verpflegung erhalten sie ihr erstes Lageressen: eine "Portion Nudelkleister". In dem Lager gibt es für die Gefangenen weder Tische noch Bänke oder einen anderen Raum, in dem sie sich aufhalten können. Viele sind nach der mühseligen Fahrt und dem Marsch durch den Schnee erkrankt.
Husten, Schnupfen, Bronchitis, Hals- und Lungenentzündungen, abgefrorene Glieder bleiben unbehandelt, da es weder einen sanitären Dienst noch eine Krankenabteilung gibt. Weder ein Arzt noch Medikamente sind vorhanden...
Die Verhältnisse in dem Lager erinnern an die Konzentrationslager der Nationalsozialisten:
  • die menschenverachtende Behandlung und Unterbringung,
  • der doppelte Stacheldraht und die schlechte hygienische und medizinische Versorgung,
  • der grausame und schikanöse Umgang des Wachpersonals mit den Gefangenen,
  • der entwürdigende Arbeitseinsatz und Lagerdienst,
  • die unzureichende Ernährung und Bekleidung,
  • der Hunger, die Eiseskälte und die Strafen,
  • die Entpersönlichung und Degradierung des Menschen zur Nummer.
Historischpolitische Bedeutung

Alexander Mitscherlich hat für die Deutschen nach 1945 die "Unfähigkeit zu trauern" festgestellt. Aber schon nach 1918 hätte die Trauerarbeit der Deutschen einsetzen müssen, um den Irrweg auch des Wilhelminischen Kaiserreiches zu erkennen. Über die Ursachen der beiden Weltkriege, die von Deutschland ausgingen, gibt es inzwischen eine breite Forschung. Die deutsche Katastrophe begann nicht 1933, sondern war in mancherlei Entwicklungssträngen vorgeformt und vielfach virulent. Auch vom Ersten Weltkrieg lassen sich Verbindungslinien vom Kaiserreich zum "Dritten Reich" aufzeigen. Erinnert sei an die brutale Kriegsführung der Obersten Heeresleitung (OHL) im Ersten Weltkrieg:
  • die Massaker an der belgischen Zivilbevölkerung im August 1914 und Brandschatzung von Löwen, Dinant und anderen Orten im August/September 1914; " die Deportation von Zehntausenden von französischen Bürgern der Städte Lille, Roubaix und Tourcoing im April 1916 und ihr Abtransport unter menschenunwürdigen Bedingungen in Viehwagen und Eisenbahnwaggons;
  • die von der OHL auf dem Rückzug der deutschen Truppen 1917/18 angeordnete Verwüstung Nordfrankreichs, die verbunden war mit der systematischen Ersäufung von Kohlebergwerken, der planmäßigen Zerstörung von Obstplantagen und der Umwandlung eines etwa 1800 km2 umfassenden Geländestreifens in eine tote, öde Wüste bei gleichzeitigem Abtransport der Bewohner dieses Gebiets;
  • die noch im Oktober 1918 von der OHL befohlene Sprengung und Ersäufung aller Bergwerke der Departements du Nord und Pas de Calais und damit die Vernichtung der Existenzbedingungen von Hunderttausenden von Menschen.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage der Kontinuität der deutschen Geschichte bis 1945. Das vorliegende Projekt möchte zur Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit beitragen und der Festigung der deutschfranzösischen Freundschaft dienen.

Methodischdidaktische Zielsetzung

Die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen, die Desire Guerin in seinen Aufzeichnungen schildert, zeigt, dass es bereits im Ersten Weltkrieg von Deutschen errichtete Lager für Zivilgefangene gegeben hat, die den späteren KZ ähnelten. Dies stellt für Schüler, Lehrer und Historiker Neuland sowie eine besondere Herausforderung dar. Anders als bei Recherchen zu Themen, die bereits bekannt und bearbeitet worden sind, bietet sich den Beteiligten an diesem Projekt viel Raum für Eigeninitiative und Kreativität. Vieles muss noch erschlossen und ermittelt werden. Dem Forscherdrang und der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, Schüler wie Lehrer müssen sich nicht in vorgegebenen Denkbahnen bewegen. Die SchülerInnen erfahren einen lebendigen Umgang mit der Geschichte. Vergangenheit wird für sie gegenwärtig: Sie stoßen in Erkenntnisbereiche vor, die völlig neu sind, und beginnen Geschichte anders und systematischer zu erfassen, als es sonst möglich ist.
Des Weiteren werden die Schülerinnen in die Situation versetzt, sich mit der Interpretation von Geschichte zu beschäftigen und danach zu fragen, warum und aus welchen Gründen manchen Ereignissen große oder keine Bedeutung zugemessen werden, sie in Vergessenheit geraten und was Geschichtsschreibung mit Politik zu tun hat. Sie werden darüber hinaus erfahren, dass es ein Überlebensgrundsatz für Europa ist, Konflikte gemeinsam und friedlich zu lösen.
Das Vorhaben ist in besonderer Weise geeignet, im Rahmen eines deutschfranzösischen Gemeinschaftsprojektes behandelt, erarbeitet und ausgeführt zu werden. In beiden Ländern dürften die Geschehnisse, die sich um die Deportation der 600 Franzosen ranken, so gut wie vergessen sein. Indem sich die Jugendlichen mit der Geschichte beider Nationen auseinander setzen, trägt das Projekt zu der Erkenntnis bei, dass die Feindschaft von noch dazu benachbarten Nationen den Menschen nur Leid und Elend bringt und dass die Achtung vor der Würde des Menschen ein europäisches Kulturerbe von bleibender Aktualität ist.
Zu erwarten ist von den Jugendlichen eine hohe Motivation, was in erster Linie darauf zurückzuführen ist, dass sie nichts erklärt bekommen, sondern selbst dazu angehalten sind zu erklären, wie der Bericht von Desire Guerin einzuordnen ist und ob er mit den Konzentrationslagern des "Dritten Reiches" zu vergleichen ist oder nicht. Hierzu werden anhand des Buches "Die Ordnung des Terrors" von Wolfgang Sofsky Kriterien erarbeitet.

Projektziel

Im Schuljahr 2004/05 werden die beiden Erinnerungsberichte von Guerin und Leleu inhaltlich verglichen und anhand der Dokumente überprüft, sodass am Ende des neuen Schuljahres beide Berichte mit Dokumenten und Kommentaren im Donat-Verlag in Bremen veröffentlicht werden können.
Erlebnisberichte von Desire Guerin und Achille Leleu sollen in einer zweisprachigen Buchausgabe, versehen mit Hintergrundmaterialien (Erlasse, Karten, Dokumente, Korrespondenz u.a.) und einem erläuternden Anmerkungsapparat sowie einer szenischen Lesung. Die szenische Lesung soll exemplarische Teile aus beiden Berichten aufnehmen und mit Kommentaren und kritischen Anfragen von Jugendlichen kontrastiert werden. Sie kann in Frankreich und Deutschland von Jugendlichen vorgetragen werden und zu einer öffentlichen Diskussion über die Problematik anregen. Begleitend sollte eine Tagung stattfinden, auf der Historiker, Lehrer und Schüler beider Nationen über das Projektthema sowie darüber diskutieren, inwieweit Vorkommnisse während des Ersten Weltkrieges auf Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges verweisen oder hindeuten und die Frage der Aktualität dieser Geschehnisse problematisieren.
Ob das Lager in Litauen mit den Konzentrationslagern des "Dritten Reiches" zu vergleichen ist oder nicht, wird ebenfalls zu klären sein. Hierzu können u.a. anhand des Buches "Die Ordnung des Terrors" von Wolfgang Sofsky Kriterien erarbeitet werden.
Die religiöse Dimension des Berichtes von Achille Leleu bietet sich an, um über die Frage der Bedeutung der Religiosität für das Widerstehen und Überleben in Extremsituationen nachzudenken. Auch hier lassen sich Parallelen zu Erfahrungsberichten von KZ-Häftlingen ziehen.
Durch die inhaltliche Auseinandersetzung und aktive Aneignung der Geschichte der beiden Weltkriege können Jugendliche eigene Formen der Empathie entwickeln, die aktives Erinnern und Gedenken ermöglichen. Entscheidend dabei ist die Aufhebung der Anonymität der Opfer, die Entdeckung des Menschen hinter den historischen Fakten, Statistiken, den Nummern. Der christliche Religionsunterricht, unabhängig von der Konfession, darf sich aber nicht durch eine vorschnelle Identifizierung mit den Opfern der Frage nach Schuld und Verantwortung entziehen. Die Schuld der Täter und der Umgang mit dieser Schuld bis heute müssen immer wieder neu problematisiert werden.

Korrespondenz mit Angehörigen der Deportierten

Aufgrund der Recherchen und des Zeitungsartikels in Frankreich meldeten sich Angehörige von drei Deportierten aus Douai, Tourcoing und Dom le Mesnil. Alle baten uns ihre Unterstützung an, und wir werden die Korrespondenz fortsetzen.
Die Enkelin eines Deportierten aus Dom le Mesnil sandte ein Foto ihres Großvaters, und schrieb in ihrem Brief vom 2. Dezember 2001:
"Als Enkelin von Charles Regnery, der in Wilna gestorben ist, habe ich Ihren Brief gut erhalten. Mein Großvater ist für einen anderen Mann nach Litauen abgereist. Sein Leichnam wurde später nach Dom le Mesnil gebracht. Er hatte zwei Söhne, doch ich bin die einzige Enkelin. Ich schreibe auf Deutsch, denn es gefällt mir, die deutsche Sprache zu sprechen und zu hören. Gern höre ich auch die großen Opern von Richard Wagner. Leider spreche ich nicht fließend und für mich ist es leichter zu schreiben, als alles zu verstehen.
Ich muss Ihnen sagen: Ich habe deutsches Blut in den Adern. Der Großvater meines Großvaters Charles Regnery, Heinrich Joseph Regnery, ist in Prün in der Eifel geboren. Noch jung, mit 26 Jahren, kam er nach Frankreich. Wir wissen nicht, warum. Er heiratete eine Französin - und sie war eine Vorfahrin meiner Mutter. Er liegt auch in meinem Dorf begraben. Ich habe dem Bürgermeister von Prün geschrieben, und er hat mir geantwortet, dass es vor dem Zweiten Weltkrieg in Prün noch 28 Familien mit Namen Regnery gegeben hat. Ich besitze einen Brief des Vaters von Charles, der auf gotisch geschrieben ist, er warnt die Familien in Prün, dass ihr Vater tot sei. Ich habe auch auf gotisch ihre Sprache studiert.
Ich habe auch ein Buch, in dem die Opfer der Deportation erwähnt sind. Wenn Sie es wünschen, kann ich Ihnen die Namen mitteilen.
Ich biete Ihnen ergänzende Auskünfte an.
Viele Grüße und guten Mut für Ihre Suche!
(Unterschrift)

Projektkurs "Spurensuche"

Der Projektkurs "Spurensuche" wird seit 1992 polyvalent in den Fächern Evangelische Religion/Werte und Normen mit historischem Schwerpunkt in der Oberstufe der Kooperativen Gesamtschule Stuhr-Brinkum angeboten, steht aber auch Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I als Arbeitsgemeinschaft offen. Die Mitarbeit in diesem Kurs setzt bei den Jugendlichen ein hohes Engagement und die Bereitschaft voraus, in der Freizeit, am Wochenende oder in den Ferien zu arbeiten. Auch viele Ehemalige, die sich bereits im Studium oder in der Ausbildung befinden, beteiligen sich weiterhin an den Arbeiten und unterstützen ihr Projekt.

Die historische Spurensuche konfrontiert die Schülerinnen und Schüler mit den menschlichen Folgen der jüngeren deutschen Geschichte und lässt sie die historische Verantwortung annehmen, die sich hieraus für unser Land ergibt.

Ziel der Arbeit ist das Wachhalten der Erinnerung an die NS-Verbrechen und das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus als Voraussetzung für eine völkerverbindende und friedvolle Zukunft. Aus der Auseinandersetzung mit Geschichte und Wirkung des Holocausts entstanden u.a. Wanderausstellungen, Bücher, Dokumentationen und szenische Lesungen, die im In- und Ausland Anerkennung finden und mit zahlreichen Preisen u.a. vom Bundespräsidenten Rau und dem Israelischen Kultusministerium ausgezeichnet wurden.
Die verschiedenen Projekte werden oft parallel bearbeitet bzw. fortgeführt und betreut. An dem Frankreichprojekt arbeiteten folgende Schüler des Projektkurses "Spurensuche" mit:

  • Antonia Wessel
  • Caroline Wessel
  • Katharina Olma
  • Kathrin Garthaus
  • Neele Grundmann
  • Sarina Theel
  • Stine Albers
  • Tim Schröder
  • Timo Feierabend
Besonders hervorzuheben sind die Recherchen von Antonia Wessel im Staatsarchiv in Paris, die Korrespondenz mit den französischen Zeitungen und den Angehörigen der Deportierten von Stine Albers sowie die PC-Arbeiten und die Layout-Gestaltung von Tim Schröder. Vanessa Zimmat und Nadine Stuckenschmidt halfen bei den Layout-Arbeiten mit.

Ilse Henneberg

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Projektkurs Spurensuche
- Ilse Zelle -

Kooperative Gesamtschule (KGS) Stuhr-Brinkum
Brunnenweg 2, 28816 Stuhr
Telefon: 0421-809690    Fax: 0421-80969114
e-mail: i.zelle@t-online.de