»Jüdische Schule in Bremen


Schule in der Kohlhökerstraße Nr. 6

Auf die Kindheit fiel der immer stärker werdende Schatten des Antisemitismus. Der siebenjährige Otto Polak durfte nicht in die Kirchweyher Schule gehen, da jüdischen Kindern aufgrund einer Anordnung des Reichserziehungsministers Rust vom 15. November 1938 der Besuch öffentlicher Schulen nicht mehr gestattet war. Ottos Mutter Johanne hoffte jedoch auf eine Ausnahmeregelung, doch der Landrat des Kreises Grafschaft Hoya teilte ihr im November 1939 mit, dass ihr Sohn in die „Judenschule“ nach Bremen müsse.
Ab 1939 ging Otto auf die jüdische Religionsschule in der Kohlhökerstraße Nr. 6. Sie war Ende März 1939 von dem Rabbi Dr. Jacob Wiener gegründet worden. Die jüdische Schule wurde eingerichtet, um den Kindern die Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen bzw. zu erleichtern, weshalb man vor allem Englisch-, Geografie-, Hebräisch- und Religionsunterricht erteilte.

Im Jahre 1939 besuchten etwa 46 jüdische Kinder die Schule. Sie kamen aus Bremen und dem Umfeld der Stadt. Das Haus war der jüdischen Gemeinde von der emigrierten Familie Gruenberg überschrieben worden. Von 1939 bis 1941 wurde es als Schule und Gebetsstätte umfunktioniert, denn die Synagoge, einst im Schnoor gelegen und in der Reichspogromnacht in Brand gesteckt, existierte nicht mehr.
In dem neuen Schulhaus lebten des weiteren sechs Familien, zum Teil im Keller und im Obergeschoss.
Der kleine Otto musste allein von Kirchweyhe zum Bremer Hauptbahnhof fahren und von dort aus zu Fuß
zur Kohlhökerstraße laufen. Häufig war er auf seinem Weg Repressalien ausgesetzt.
In der Schule gab es ein Zimmer, in dem der Lehrer Nußbaum die erste und zweite Klasse unterrichtete, wie Otto sich erinnert. Herr Nußbaum lehrte die Kinder in erster Linie Hebräisch, woran Otto aber nicht viel Gefallen fand; er verstand die Sprache und die Schriftzeichen nicht. Erschwerend kam hinzu, dass ihm aus seiner Familie keiner helfen konnte und die Lehrer drängten, denn die Kinder sollten unbedingt Hebräisch lernen. Sie hofften, ihren Schülern eine Auswanderung nach Israel zu ermöglichen.

Briefwechsel zwischen dem Bürgermeister Kirchweyhes, dem Landrat des Kreises Grafschaft Hoya und der Familie Polak
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Antwort des Landrates
Antwort des Landrates
Quelle: Archiv der Gemeinde Weyhe

Jüdische Schulen während der NS-Zeit

Der größte Teil der jüdischen Kinder ging vor 1933 auf allgemeinbildende Schulen, nur wenige besuchten eine jüdische Konfessionsschule. Viele jüdische Eltern bevorzugten eine Ausbildung an höheren Schulen, insbesondere an den Gymnasien. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme begann auch die Rassentrennung innerhalb der allgemeinbildenden Schulen. Jüdische Schüler wurden abgesondert, diskriminiert und auf höheren Schulen ein „Numerus clausus“ für sie eingeführt.
Nach der Reichspogromnacht fand ihr Unterricht nur noch in jüdischen Schulen statt. Ab Juli 1939 war die „Reichsvereinigung“ der Juden für den Unterhalt der jüdischen Lehranstalten verantwortlich. Die endgültige Übernahme aller öffentlichen und privaten jüdischen Schulen erfolgte am 1. Oktober 1939. Ziel der „Gleichschaltung“ war es nach einem Befehl der Gestapo, alle „Austrittsgemeinden“ mit den „Großgemeinden“ zu vereinigen und somit die jüdischen Schulen weitestgehend aufzulösen bzw. ihren Bestand stark zu reduzieren. Alle verbliebenden jüdischen Schulen konzentrierten sich zunehmend darauf, die Kinder und Jugendlichen auf eine Auswanderung vorzubereiten.

Die „Judenschule“ in der Kohlhökerstraße entstand ebenfalls während der Zeit der „Gleichschaltung“. Schüler aus dem Umland wie Otto Polak mussten in die größeren Städte zum Unterricht fahren. Der Fahrplan war jedoch für sie oft ungünstig und entsprach nicht den Schulzeiten. Ab September 1941 durften Judenöffentliche Verkehrsmittel nicht mehr benutzen, für entfernt wohnende „Fahrschüler“ gab es zunächst noch Ausnahmen. „Wer aber das Glück hatte, ein öffentliches Verkehrsmittel benutzen zu dürfen, sah sich als mit dem gelben Stern gezeichneter Fahrgast Belästigungen, Anpöbeleien und auch öfters tätlichen Angriffen ausgesetzt, die den Schulweg zu einem wahren Leidensweg machten.“ Auch Otto machte solche Erfahrungen.

Deportation der jüdischen Schule nach Minsk

„Als Erwachsener habe ich mich hier bei der jüdischen Gemeinde in Bremen erkundigt, ob jemand zurückgekommen sei, aber ich bin der einzige Überlebende.“

Interview von Otto Polak mit einer Schülerin im März 2005

1941 entging Otto nur knapp der Deportation. Im Herbst des Jahres sollte die ganze Schule in der Kohlhökerstraße einen „Ausflug“ machen. Jeder durfte etwa 50 Pfund Gepäck mitnehmen. Es sollten etwas Warmes zum Anziehen, Esswaren und eine Decke dabei sein. Der Junge freute sich sehr. Als er jedoch seiner Familie erzählte, dass jeder Schüler sowie jeder Lehrer mitfahren würde, wurde seine Großmutter misstrauisch und rief Herrn Nußbaum an. Er klärte sie auf, dass das Ziel des „Ausflugs“ in Wahrheit ein Konzentrationslager sei, ihr Enkel jedoch verschont werden könnte, da Kirchweyhe in Niedersachsen läge. Die Großmutter telefonierte sogleich mit der zuständigen Behörde in der Kreisstadt Syke, die die Information bestätigte. So musste ihr Enkel den „Ausflug“ nicht mitmachen, der in Wahrheit die Auflösung der Schule bedeutete.

Deportation des Vaters und seiner Familie

Auf dem Transport nach Minsk in Weißrussland am 18. November 1941 befanden sich auch Ottos Vater Carl, seine Großmutter Adele Goldschmidt und sein Onkel Siegfried, die dort ermordet wurden. Wäre Otto bei der Deportation seiner Schule dabei gewesen, wäre er zweifellos auch nicht mit dem Leben davon gekommen. Otto durfte fortan keine Schule mehr besuchen, den Ort nicht verlassen, und zusätzlich verbot seine Großmutter ihm, auf die Straße zu gehen. Somit war er zu Hause eingesperrt. Telefonieren war Juden untersagt, sodass die Familie Jacobsohn auf das Telefon ihrer Nachbarn, der Familie Böttcher, angewiesen war. „Sie waren immer sehr nett und hilfsbereit“, erinnert sich Otto.

Deportation der Bremer Juden nach Minsk

Kurz nachdem deutsche Truppen Minsk am 28. Juni 1941 besetzten, sorgten sie im Nordwesten der Stadt für die Errichtung eines Ghettos, indem man etwa vierzig Straßen, in denen sich überwiegend zweistöckige Massivbauten und Holzhäuser befanden, mit Stacheldraht zu einem separaten Gebiet abtrennte. Innerhalb des Ghettos schuf man mit Drahtzäunen weitere Unterteilungen,so auch speziell für die deutschen Juden.
Schule in der Kohlhökerstraße
Schule in der Kohlhökerstraße heute


Am 24.Oktober 1941 traf aus Berlin die Weisung ein, knapp 50 000 Juden nach Minsk und Riga zu „evakuieren“. In Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde erstellte die Gestapo Deportationslisten; allein in Bremen und Hamburg waren knapp 1570 Menschen betroffen. Ein „Evakuierungsbefehl“ forderte sie u.a. auf, Lebensmittel für vier Tage mitzubringen. Außerdem war jedem erlaubt, 50 Pfund Gepäck bei sich zu führen: Kleidung, Schuhe, Bettwäsche, etc. Das Ziel der Fahrt ließ die SS offen; es hieß, man benötige sie für den Wiederaufbau zerstörter Städte im Osten. In Wahrheit war das weißrussische Ghetto ein Vernichtungslager. Niemand sollte den Winter überleben und alle, die es doch taten, brachte man bis zum darauf folgenden Sommer um. Allein am 28. und 29. Juli 1942 wurden etwa 10 000 Juden liquidiert.

Die 440 Juden aus Bremen und die 130 aus dem Umland mussten sich am18.November 1941 bereit halten. Uniformierte holten sie ab, versiegelten ihre Wohnungen und brachten sie in kleinen Gruppen zum Haupt- bzw. Lloydbahnhof, wo man ihnen die Brieftaschen, Geld und Lebensmittelkarten abnahm. Nach Stunden der Ungewissheit pferchte man die Beraubten in tschechische Personenwaggons. Gemeinsam mit dem Transport aus Hamburg, der etwa 1000 Menschen umfasste, passierten sie u.a. Stargad, Schneidemühl, Warschau und Bialystok. Nach fünf Tagen erreichten sie schließlich Minsk. Um Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen, führte die SS zwischen dem 7. und dem 11.November 1941 eine „Großaktion“ durch, der Tausende russische Juden zum Opfer fielen.
Der Deportation aus Bremen und Hamburg folgten bis Ende November weitere aus Deutschland, u.a. aus Düsseldorf, Frankfurt am Main und Berlin. Von Mai bis Oktober 1942 trafen etwa 15 000 Personen in dem Ghetto ein. Ein großer Teil von ihnen wurde sofort erschossen oder in Gaswagen getötet. Ottos Vater erlitt vermutlich das gleiche Schicksal.

Im Herbst 1943 stand nach unzähligen Massenmorden die Auflösung des Ghettos bevor. Nochmals fanden Tausende den Tod. Nur etwa 500 Facharbeiter überlebten das Massaker, doch hetzte man sie weiterhin von Lager zu Lager.


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