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Von der ersten Begegnung mit dem Zeitzeugen bis zum Buch

Der Projektkurs „Spurensuche“ der Oberstufe der KGS Stuhr-Brinkum unter Leitung von Ilse Zelle beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit der Aufarbeitung der NS Geschichte und hat bereits mehrere Bücher herausgegeben. (Weitere Informationen unter Projektkurs "Spurensuche")
An der Biografie über Otto Polak wirkten mehrere Schülergenerationen mit.

 

Erste Begegnung mit Otto Polak 2005

2005 war Otto Polak zum ersten Mal Gast im Religionsunterricht einer 11. Klasse, die Biografien


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über jüdische Mitbürger im Landkreis Diepholz erarbeiteten. Die Schülerin Kristina Naumenko, die gleichzeitig Mitglied im Projektkurs „Spurensuche“ war, hatte Otto Polak mehrmals ausführlich interviewt und in den Unterricht eingeladen. Sie wertete die Gespräche für einen Text aus, der anschließend auf einer lebensgroßen, grauen Holzfigur zu lesen war. Auf der Rückseite war ein Judenstern zu sehen. Diese Figur gehört zur Ausstellung „Verfolgte in der Heimat – Jüdisches Leben in den Altkreisen Grafschaft Diepholz und Hoya“, die vom Projektkurs u.a. im Niedersächsischen Landtag, in den Gedenkstätten Buchenwald und Bergen-Belsen sowie beim Evangelischen Kirchentag in Bremen 2009 gezeigt wurde.
Kristina Naumenko meint heute rückblickend zu ihrer Arbeit:
„Zu Beginn war ich einfach nur an der deutschen Geschichte, bzw. der NS- Zeit interessiert. Ich wollte gerne mehr erfahren, als nur die Fakten aus dem Geschichtsunterricht. Mittlerweile interessiere ich mich am meisten für die Einzelschicksale, besonders durch den Kontakt mit Otto Polak. Ich bin während der Mitarbeit an den einzelnen Projekten zu dem Schluss gekommen, dass es sehr wichtig ist, an die Vergangenheit zu erinnern, vor allem unter uns Jugendlichen, um einer Wiederholung vorzubeugen.“

Seminararbeit über Otto Polak 2008

Julia Olma aus dem 12. Jahrgang übernahm diese ersten Recherchen und erweiterte sie für ihre Facharbeit.
„Ich habe dieses Thema gewählt, weil mich die NS-Zeit, trotz vielfacher Thematisierung in der Schule, sehr interessiert und ich es spannend finde, von einem Menschen persönlich zu erfahren, wie er diese schlimme Zeit der Diskriminierung, Unterdrückung und Verfolgung erlebt hat. Es gibt schon viel Literatur zu diesem Thema, aber eine Biografie ist immer etwas Neues, da sie das ganz persönliche Schicksal eines Menschen beschreibt. Bei meiner Arbeit traf ich auf viele freundliche Menschen, die immer sehr hilfsbereit waren und mir unzählige meiner Fragen beantworteten. Ich habe Otto Polak als einen sehr netten, hilfsbereiten und liebevollen Menschen kennen gelernt und habe mit sehr viel Freude meine Seminararbeit geschrieben.“

Die Idee zum Buch

Von Otto Polaks Schicksal berührt, wurden vom Projektkurs „Spurensuche“ weitere Recherchen vorgenommen, insbesondere zum Verhalten der evangelischen Pastoren gegenüber sogen. Judenchristen, zur jüdischen Schule in Bremen sowie zu den Herkunftsfamilien Polak aus Oldersum und Jacobsohn aus Kirchweyhe. Das Ziel war die Herausgabe einer Biografie im Donat Verlag in Bremen.
Die Anfragen zur jüdischen Schule in Bremen beim Staatsarchiv Bremen, bei der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung sowie der jüdischen Gemeinde in Bremen brachten kaum Ergebnisse, da sich mit dieser Thematik bisher niemand beschäftigt hatte. Auch an dem Wohnhaus in der Kohlhöckerstraße gab es keinerlei Hinweise auf das ehemalige Schul-und Gebetshaus. Alle Kinder mit ihren Lehrern wurden 1941 nach Minsk deportiert und vermutlich ermordet. Otto blieb von der Deportation als Einziger verschont.
Seit dem Besuch unserer Buchpremiere in der KGS Stuhr-Brinkum im Oktober 2009 setzen sich ein Bewohner der Kohlhöckerstraße Nr.6 sowie Barbara Johr von der Landeszentrale für politische Bildung für die Anbringung einer Gedenktafel am Haus ein.

Der Schülerin Marie Müller aus dem 11. Jahrgang gelang es, anhand von Unterlagen von Frau Decke aus Bremen, mit dem Großcousin mütterlicherseits Walter Jacobsohn in den USA Kontakt auszunehmen und seine englischsprachigen Briefe ins Deutsche zu übersetzen.

Die Schülerinnen Christin Chairsell und Stella Vogel aus dem 12. Jhg. fertigten 2008 für Otto Polak einen meterlangen Stammbaum an. Ihre Informationen erhielten sie u.a. von Klaus Euhausen aus Hennigsdorf. Von der großen Familie Polak aus Oldersum starben mindestens 15 Mitglieder in den Konzentrationslagern.
Stella Vogel berichtet von ihrer Fahrt nach Emden:
„Ich besuchte mit meiner Schwester den jüdischen Friedhof in der Bollwerkstraße und fotografierte das Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus, zu denen auch Mitglieder der Familie Polak aus Oldersum gehörten. Von einigen Mitgliedern, die bereits in den Jahren vor 1933 verstarben, finden sich heute noch Grabsteine auf dem Friedhof. Gemeinsam mit Otto Polak besuchte ich auch das Grab seines Großvaters Otto Jacobsohn in Bremen.“

Denkmal auf dem jüdischen Friedhof in der Bollwerkstraße für die aus Emden stammenden Opfer des Nationalsozialismus
Denkmal auf dem jüdischen Friedhof in der Bollwerkstraße für die aus Emden stammenden Opfer des Nationalsozialismus, 2009

Stella Vogel berichtet von ihren weiteren Recherchen:

„Von der Kulturbeauftragten der Gemeinde Kirchweyhe erhielt ich weitere Informationen über den Arzt Dr. Willms, der Otto Polak vor der Deportation nach Theresienstadt bewahrte. Ich überarbeitete die Seminararbeit von Julia Olma und ergänzte sie mit den neuen Erkenntnissen. Anfragen beim Archiv der Hannoverschen Landeskirche sowie bei der Kirchengemeinde Kirchweyhe über den Umgang mit Christen jüdischer Herkunft blieben zunächst ergebnislos. Erst kurz vor der Drucklegung konnten wir mit Uta Schäfer-Richter Kontakt aufzunehmen, die über dieses Thema gerade publiziert hatte. So konnten noch rechtzeitig einige Informationen in das Buch eingearbeitet werden.
Kurz vor der Drucklegung des Buches erinnerte sich Otto Polak noch an ein Zwangsarbeiterlager auf dem Grundstück seiner Großeltern in Kirchweyhe. Dies war bisher im Landkreis Diepholz völlig unbekannt. Das Buch konnte so um ein neues Kapitel erweitert werden.
Mit Beginn des Schuljahres 2009/10 nahmen meine Lehrerin Ilse Zelle und ich mit dem Archivar Hermann Greve aus Kirchweyhe, dem Verleger Helmut Donat sowie Otto Polak die Schlussredaktion vor, sodass ich den Weg von den Recherchen bis zum fertigen Buch miterlebt habe und nachvollziehen konnte.
Eine mühselige und langwierige Arbeit, die sich aber gelohnt hat!“

Die Finanzierung des Buches erfolgte durch die Kreissparkasse Syke, den Förderverein der KGS Stuhr-Brinkum sowie den Buchverkauf.

Sportliche Begegnungen

Der Kontakt zwischen Otto Polak und der Schülergruppe wird auch auf einer privaten Ebene fortgeführt, in dem gemeinsam Badminton gespielt wird oder man sich zum Kaffeetrinken trifft. Diese Begegnungen sind für beide Seiten wichtig und hilfreich im ungezwungenen Umgang miteinander, da dann nicht vorrangig die NS Zeit thematisiert wird, sondern man locker miteinander plaudert.

Weitere Aktionen

Die Zusammenarbeit mit Otto Polak wird durch neue Aktivitäten fortgesetzt, in die die neuen Schüler des Projektkurses einbezogen werden. So finden am 4. November 2010 eine Veranstaltung im Kreismuseum Syke und im Januar 2011 in der KGS Stuhr-Brinkum statt

Danksagung

Der Dank der Schülerinnen und Schüler des Projektkurses „Spurensuche“ gilt:

  • Otto Polak für sein Vertrauen, seine Geduld und Offenheit bei der langjährigen Zusammenarbeit,
  • Henning Scherf für sein freundliches Vorwort,
  • Klaus Euhausen für seine Hilfe bei den Recherchen zur Familie Polak,
  • Hermann Greve für seine kritische Durchsicht der Texte und Hilfestellungen,
  • Konrad Elmshäuser vom Staatsarchiv Bremen für seine Hilfe bei den Recherchen zur jüdischen Schule in Bremen,
  • Bettina Decke für ihre Literaturhinweise und Ratschläge,
  • der Kreissparkasse Syke für die finanzielle Förderung des Buches, insbesondere Klaus Husmann und Heinz Brinkmann
  • dem Förderverein der Kooperativen Gesamtschule Stuhr-Brinkum für seine Unterstützung sowie
  • dem Verleger Helmut Donat für seine engagierte und unverzichtbare Mitwirkung.

Als Lehrkraft möchte ich mich bei meinen Schülerinnen und Schülern für ihre interessierte Mitarbeit bedanken, besonders bei Stella Vogel, die mit großem Einsatz zuverlässig und unermüdlich an der Biografie gearbeitet und durch die häufigen Gespräche mit Otto Polak sein Vertrauen erworben hat.

Ilse Zelle, Religionslehrerin

 

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