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Kindheit mit dem Judenstern

Trennung der Eltern

Johanne und Carl Polak lebten zunächst glücklich zusammen, gerieten aber in eine lang andauernde Ehekrise, die 1938 mit einer Trennung endete. Noch im selben Jahr erkrankte Johanne an offener Tuberkulose und zog daraufhin mit ihrem vierjährigen Sohn wieder zu ihrer Mutter Hilke Jacobsohn und ihren drei Schwestern. Da die Heilung von Johannes Krankheit ärztliche Aufsicht und einen Aufenthalt in einem Sanatorium erforderte, musste sich die Großmutter, um die Erziehung ihres Enkels kümmern.
Der Vater Carl Polak hingegen verließ Kirchweyhe. Er floh in die Anonymität der Großstadt und ging nach Bremen. Auch seinen Beruf als Viehkaufmann musste der 37-jährige aufgeben, da der Viehhandel im Haus Jacobsohn in Folge der Repressalien zum Erliegen gekommen war.

Der kleine Otto litt sehr darunter, dass er nun auf beide Elternteile verzichten musste. Selbst wenn seine Mutter Hause war, durfte Johanne ihren Sohn nicht in die Arme nehmen; sie fürchtete, ihn anzustecken. Er erinnert sich:
„Ich habe nie bei meiner Mutter auf dem Schoß sitzen dürfen. Meine Mutter sagte mir: ‚Du weißt, ich darf dich nicht drücken.‘ Das war eben eine ansteckende Krankheit damals.“
Otto war für sein Alter sehr klein und nur langsam gewachsen. Er hatte es dadurch schwerer als andere, sich in der Öffentlichkeit zu behaupten.

Hilde Jacosohn, Otto und seine Mutter Johanne beim Einkaufen in Bremen, um 1937. Oben ist eine Hakenkreuzfahne zu erkennen.
Hilde Jacosohn, Otto und seine Mutter Johanne beim Einkaufen in Bremen, um 1937. Oben ist eine Hakenkreuzfahne zu erkennen.

Pflicht zum Tragen des Judensterns

Ab September 1941 mussten Juden sich als solche erkennbar machen. Otto Polak erinnert sich:
„Ich war der Einzige in Kirchweyhe, der diesen Stern tragen musste. Damit fing das Drama an. Ich hatte sechs Sterne. Auf dem Weg zur Schule legte ich meine rechte Hand so über die Schulter, dass man den Stern nicht sehen konnte. Ich hatte immer das Gefühl, er sei riesengroß, wie ein halber Meter. Wenn ich meinen Arm darüber legte, sah er oben noch durch.“
Auch für seine Mutter Johanne, inzwischen von Carl Polak geschieden, war es nun Pflicht, sich einen Judenstern anzuheften. Sie musste per Unterschrift für sich und ihren Sohn bestätigen, dass man sie über die Verordnung vom 1. September 1941 informiert hatte und ein Missachten des Befehls eine Bestrafung mit sich ziehen würde.
Sie beschwerte sich und nach einem Disput mit der Ortspolizei wurde sie kurz inhaftiert. Dies Erlebnis führte jedoch zu einem erneuten Ausbruch ihrer Tuberkulose. Schließlich teilte der Landrat der schwer erkrankten Frau am 12. Januar 1942 mit: „Auf Anordnung und mit Zustimmung der Geheimen Staatspolizei werden Sie hierdurch von der Verpflichtung zum Tragen des Judensterns befreit, weil sie von Ihrem jüdischen Ehemann geschieden sind, im Haus Ihrer deutschblütigen Mutter leben und Ihre Geschwister nicht als Juden gelten. Gleichzeitig haben Sie künftig die polizeilichen Erlaubnisbescheinigungen zum Verlassen Ihres Wohnortes nicht mehr nötig.“ Das galt aber nur für Ottos Mutter, er selbst müsse „natürlich“ weiterhin den Stern tragen, hieß es in dem Schreiben.

Die sozialen Kontakte der Familie Polak und Jacobsohn nahmen immer mehr ab. Nur noch wenige Menschen trauten sich mit der Familie zu sprechen oder sie auf der Straße zu grüßen, wie der Apotheker, der Arzt und der Dorfpolizist. Der „Judenstern“ aber machte den kleinen Jungen für andere vogelfrei. Als „Volksfeind“ abgestempelt, stellte der Schulweg für ihn ein Spießrutenlaufen dar. Er war Pöbeleien und Verfolgungen ausgesetzt, andere Kinder bewarfen ihn mit Steinen oder verprügelten ihn. Erwachsene waren es, die Otto am stärksten demütigten. Sie spuckten ihn an – auch ins Gesicht. Er erinnert sich: „Wenn mir auf dem Weg jemand entgegen kam, bin ich immer auf die andere Straßenseite gegangen, um den Peinigungen zu entgehen.“

Quelle: Archiv der Gemeinde Weyhe

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