»Herkunft und Hintergründe


"Volljude", "Deutschblütig" oder "Christ"?

"Ich bin christlich getauft und im evangelisch-lutherischem Glauben erzogen. Meine Eltern wurden christlich getraut. Nach dem Krieg wurde ich konfirmiert und bin bis heute ein gläubiger Christ. Dennoch wurde ich während der NS-Zeit als "Volljude" verfolgt und entging knapp der Deportation."

Otto Polak, Rede am 27. Jan. 2010 im Rathaus Bremen

Otto Jakob Polak, am 16. Juli 1933 in Bremen geboren, ist der Sohn des Viehhändlers Carl Polak und seiner Ehefrau Johanne, geborene Jacobsohn. Seine Eltern heirateten am 9. September 1932. Die Trauung fand im Bremer Dom statt, nachdem ihnen der Kirchweyher Pfarrer und Superintendent Wilhelm Goßmann den kirchlichen Segen versagt hatte. Obwohl beide getauft waren, weigerte Goßmann sich schon vor der nationalsozialistischen Machtübernahme, "Juden" zu vermählen.
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Die Familien Polak und Jacobsohn lebten seit vielen Generationen im Nordwesten Deutschlands. Das junge Ehepaar Polak wohnte in Kirchweyhe, dem Heimatort von Ottos Mutter Johanne. Deren Eltern, Otto und Hilka Jacobsohn, besaßen einen florierenden Viehhandel.
Ottos Eltern waren sich einig: Sie wollten ihn im evangelisch-lutherischen Glauben erziehen. Gustav Adolf Künnicke, Pastor in Bassum, taufte den Kleinen am 20.August 1933 in Kirchweyhe. Dennoch galt Otto Polak nach den Nürnberger Rassengesetzen als Sohn eines Juden und einer "Halbjüdin"als "Volljude". Aus Sicht der Evangelischen Kirche waren er und seine Eltern "Judenchristen" oder Christen jüdischer Herkunft.

Hier klicken: Informationen zu den Nürnberger Rassengesetzen

Nürnberger Rassengesetze

Die Nürnberger Rassengesetze,am15. September 1935 auf demsiebten Reichsparteitagder NSDAP in Nürnberg verkündet, umfassten unter anderem das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", das sogenannte "Blutschutzgesetz", sowie das "Reichsbürgergesetz". Sie bildeten die rechtliche Grundlage für die nationalsozialistische Rassenideologie. Das "Blutschutzgesetz" sollte der Reinhaltung des deutschen Blutes dienen. Eheschließungen sowie sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden waren seither verboten. Nur "Vierteljuden" und "Deutschblütige" durften einander heiraten, da bei ihnen der "geringe jüdische Blutsanteil" im Laufe der Generationen verblassen würde – so die nationalsozialistische Erklärung.
Gingen "Halbjuden" und "Volljuden" eine Ehe ein, was möglich und erlaubt war, klassifizierte man die "Halbjuden" jedoch fortan als "Volljuden".Auch Johanne Jacobsohn galt nach der Hochzeit mit Carl Polak nicht länger als "Mischling ersten Grades" wie ihre drei Schwestern, sondern als "Volljüdin". Das "Reichsbürgergesetz" unterschiedzwischen Staatszugehörigkeit und Reichsbürgerschaft: Als Staatsangehöriger war
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man dem Deutschen Reich "besonders verplichtet" und gehörte dessen Schutzverband an. Nur der Reichsbürger allein verfügte über die vollen politischen Rechte. Er musste dafür jedoch Staatsangehöriger "deutschen oder artverwandten Blutes" sein. Somit nahm das Gesetz den deutschen Juden alle Rechte und machte sie zu Bürgern zweiter Klasse. Ebenso legte die erste Verordnung zum "Reichsbürgergesetz" 1935 unter anderem fest, wer "Volljude", "Halb- oder Vierteljude" war. Personen mit jüdischen Eltern oder mindestens drei jüdischen Großelternteilen gehörten zu den "Volljuden". Deshalb bezeichnete man auch Otto Polak als "Volljude". Wer von einem jüdischen Elternteil oder zwei jüdischen Großelternteilen abstammte,war nach dem Gesetz "Mischling ersten Grades", das heißt "Halbjude". Personen, die über nur einen jüdischen Großelternteil verfügten, klassifizierte man zu "Mischlingen zweiten Grades" bzw. zu sogenannten "Vierteljuden".


Christen jüdischer Herkunft

"Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leibe getauft,wir seien Juden oder Griechen, Knechte oder Freie, und sind alle zu einem Geist getränkt."

(1. Korinther 12, 13)

Auseinandersetzung um den "Ariernachweis"

Der vom Staat 1934 verlangte "Ariernachweis" betraf auch getaufte Juden. Sie waren deutsche Staatsbürger, Christen und Mitglieder der Kirchengemeinden, die aber wegen ihrer jüdischen Vorfahren oder ihrer jüdischen Herkunft während des Nationalsozialismus als "Volljuden", als "nichtarisch" galten und verfolgt wurden. Als Kriterium galt nun die Zugehörigkeit zur Rasse, nicht zur Religion. Nach christlichem Verständnis jedoch war jeder getaufte Mensch ein gleichwertiges Mitglied der Kirchengemeinden. Deshalb stellte der Arierparagraf stellte besonders die Deutsche Evangelische Kirche vor eine Zerreißprobe. Während Teile der "Bekennenden Kirche" sich gegen den "Arierparagrafen" und den Ausschluss getaufter "Juden" aus der Kirchengemeinde sowie für die Selbstständigkeit der Kirche aussprachen, richteten sich die "Deutschen Christen", deren Gründung 1932 von den Nationalsozialisten veranlasst worden war, gegen alle "Juden", auch gegen die "Judenchristen".

Die "Deutschen Christen" sollten parteipolitische Ziele in der Kirche verwirklichen, und es gelang ihnen, schnell großen Einfluss auf den Protestantismus zu gewinnen. Es kam zum sogenannten "Kirchenkampf" zwischen den "Deutschen Christen" und der seit 1934 bestehenden und aus dem"Pfarrernotbund" hervorgegangenen "Bekennenden Kirche". Die von den "Deutschen Christen" geführten Landeskirchen in Thüringen, Sachsen,Mecklenburg,Anhalt und Lübeck schlossen Christen jüdischer Abstammung seit 1939 aus und verboten Judentaufen.
In der hannoverschen Landeskirche, die sich dem nationalsozialistischen Gedankengut überwiegend nahe fühlte, diskutierten die Gläubigen darüber, ob nicht Pastoren und Gemeindemitglieder jüdischer Herkunft "unter den Schutz der Kirche" zu stellen und von den Pastoren seelsorgerisch zu betreuen seien. Doch Landesbischof Marahrens stelltebereits am 1. April 1933 klar, dass eine öffentliche Äußerung der Kirche "im Augenblick" unmöglich sei und er, da es sich um Einzelfälle handele, die persönliche Seelsorge bevorzugen würde.
So erklärt sich vermutlich auch das unterschiedliche Verhalten der Pastoren in Bassum und Kirchweyhe um Ottos Taufe. Es war jedem Pastor letztlich selbst überlassen,wie er sich gegenüber "Judenchristen" verhielt.

Einführung des "Gelben Sterns"

Als im Herbst 1941 die Polizeiverordnung zur Kennzeichnungspflicht für Juden erfolgte, waren die Kirchen erneut zu einer Stellungnahme gezwungen. Die Teilnahme von Christen mit dem gelben Stern im Gottesdienst lehnten einige deutschchristlich orientierte Landeskirchen strikt ab, nur wenige Gemeinden der Bekennenden Kirche erklärten sich solidarisch mit den Christen jüdischer Herkunft und feierten mit ihnen gemeinsam den Gottesdienst – nicht ohne persönliche Gefährdung.
Die Deutsche Evangelische Kirchenkanzlei schickte kurz vor Weihnachten 1941 ein Rundschreiben an alle Landeskirchen, Christen mit einem Stern aus dem Gemeindeleben auszuschließen. Bischof Marahrens aus Hannover unterstützte ohne Bedenken das Ansinnen und leitete die Informationen an die Gemeinden der hannoverschen Landeskirche weiter, im Gegensatz zu den Bischöfen der lutherischen Landeskirchen in Bayern und Württemberg. Reichsweit hatte sich so die hannoversche Landeskirche innerhalb der bekennenden Gemeinden isoliert.

Judenstern - Quelle: Ullrich, Daniel. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Judenstern_JMW.jpg&filetimestamp=20060304123618, 2010
Judenstern - Quelle: Daniel Ullrich

Widerstand gegen die rassistische Gesetzgebung, die staatliche Verfolgung, die Deportationen und die Vernichtung der Juden und "Judenchristen" war von der evangelischen Amtskirche nicht zu erwarten. Auch "bekennende" Christen protestierten nur vereinzelt gegen die antijüdischen Gewaltmaßnahmen des Staates und waren nicht selten antisemitisch eingestellt. Den Satz des Apostels Paulus aus dem Neuen Testament "Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leibe getauft,wir seien Juden oder Griechen, Knechte oder Freie, und sind alle zu einem Geist getränkt" (1. Korinther 12, 13) hatte oder wollte die Kirche schlicht vergessen.

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