Nachruf

Am 5. Juli 2016 verstarb

Edgar Deichmann

Edgar Deichmann ist am 5. Juli 2016 im Alter von 102 Jahren in Sao Paulo/Brasilien verstorben. Wir nehmen Abschied von einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Über zwei Jahrzehnte fühlte er sich uns und der KGS-Stuhr-Brinkum verbunden. Ihm danken wir für viele nachdenkliche, spannende wie lustige und zugleich sehr schöne Momente, die wir in besonderer Erinnerung halten werden.

Edgar Deichmann flüchtete als Jude 1937 aus Deutschland, verließ seine Eltern und seinen Wohnort Syke und gelangte nach Brasilien, wo ihn sein Bruder bereits erwartete. Die in Syke verbliebenen Eltern hielten dem Nazi-Regime länger Stand bis sein Vater 1938 in der Nacht vom 9. zum 10. November verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde.

Über die Erlebnisse in dieser Zeit berichtete Edgar Deichmann wiederholt vor Schüler*innen der KGS Stuhr-Brinkum. Der erste Besuch erfolgte 1994. Unvergessen bleibt, wie er mit seiner wunderbaren Ehefrau Felicitas im Klassenzimmer einen Samba tanzte! Denn er und seine Frau, die ebenfalls vor den Nazis fliehen musste, verstanden es, Geschichte lebendig zu machen und die Verbindung zwischen dem Vergangenen und dem Jetzt herzustellen. Mit ihrer herzlichen und heiteren Art fanden beide den Weg zu den Jugendlichen und ihren Lehrkräften. Es folgten viele weitere Besuche und eine lange Freundschaft entstand.

Wir erfuhren von der Zeit vor Kriegsbeginn und wie sich die Stimmung mit zunehmenden antisemitischen Anfeindungen gegen die Juden wendete. Für die Familie Deichmann bedeutete es die Erfahrung von Bedrohung und Gewalt und schließlich das Verlassen ihrer Heimat. Trotz oder gerade wegen dieser schlimmen Erfahrungen verstand es Edgar Deichmann, zur Wachsamkeit gegen das Böse zu mahnen und zur Humanität aufzufordern. Bereits beim ersten Besuch des Ehepaars Deichmann erfuhren wir von ihrer Humanität und dem großen Herzen gegenüber den Schwächeren in der Gesellschaft. Schnell merkten wir, hier treffen Lebensweisheit, Herzlichkeit und Esprit zusammen.

Wer die Ehre hatte, Edgar Deichmann näher kennenlernen zu dürfen, der erfuhr, dass seine Geschichte weiterging. Beeindruckend war seine Bereitschaft, neue Aufgaben und gravierende Veränderungen in seinem Leben positiv anzunehmen. Als junger Mann musste er sich einem neuen Leben in dem weit entfernten Brasilien stellen. Aber auch in späteren Lebensabschnitten wagte er stets einen Neuanfang und führte Neues zu einem Erfolg. Ins Schwärmen geriet er, wenn er von seiner Farm berichtete. Einfach nur zum Schmunzeln war die Geschichte von einer ganz besonderen Kuh, die Schlangen entdecken konnte.

Er hielt die Vergangenheit lebendig, ohne den Bezug und die Probleme des Jetzt, sowohl in Deutschland, Brasilien sowie der ganzen Welt, aus dem Blick zu verlieren. Sein Wissen war breit gefächert, von Neugierde und gleichzeitiger Gelassenheit geprägt. Er versprühte Lebensmut und Lebenswillen. Stets erklärte er, er habe einen Auftrag auf Erden zu erfüllen, vorher könne er nicht sterben. Dieser Aufgabe nahm er sich an. Er meinte, jeder Mensch habe einen Auftrag, Gutes zu bewirken und seine Zeit auf Erden sinnvoll zu nutzen. Für uns war er ein Vorbild mit seiner geistig offenen, toleranten und humanen Haltung.

Edgar Deichmann führte eine rege weltweite Briefkorrespondenz. Er war nicht nur Mahner von Gerechtigkeit und Humanität, sondern auch ein Ratgeber und Freund. Seine Briefe, bis zum Schluss in bestechend schöner Handschrift, und liebevoll mit Aufklebern verziert, waren ein wahrer Schatz und stets mit besonderer Freude erwartet. Seit seinem 100. Geburtstag waren sie mit "Dein Erdenbürger" unterzeichnet. Wir werden ihn und seine Briefe sehr vermissen.

Tanja Henking

Ilse Zelle

Bärbel Gemmeke

sowie alle Spurensucher*innen






Projektkurs Spurensuche
- Ilse Zelle -

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